Religionsunterricht ist Missionierung

Das Folgende soll eine Antwort auf die Frage geben, ob es sich beim kath. Religionsunterricht in Wahrheit lediglich um einen Religionskundeunterricht handelt, in dem eigentliche Glaubenserziehung keine wesentliche Rolle spielt. Die Frage, so sonderbar sie anmutet, stellt sich, da von eher liberal gesinnten Personen derartige Behauptungen als Argument für die angebliche "vollkommene Offenheit" des kath. Religionsunterrichtes, insbesondere für die Irrelevanz der Glaubensstärke des Schülers für die Notengebung, angeführt werden. Sie ist negativ zu beantworten.

Inwieweit etwa einzelne Lehrkräfte den kath. Religionsunterricht in einer Weise gestalten, daß er einem Religionskundeunterricht im Wesentlichen gleichkommt, kann hieraus selbstverständlich nicht abgeleitet werden und unterliegt in der Praxis wohl starken individuellen Schwankungen. Jedoch kann gesagt werden, daß Lehrkräfte, die den Glauben des Schülers in die pädagogische Bewertung (insbesondere die Notengebung) wesentlich einbeziehen, sich in diesem Vorgehen zurecht in voller Übereinstimmung mit den erziehungsrechtlichen Vorgaben sehen können.

Diese Ausführungen stellen klarerweise keine gesamtpädagogische Bewertung des kath. Religionsunterrichtes ­ daß Religionskundliches immer auch mit einließt kann wohl ohnehin als unbestritten gelten ­, sondern lediglich einen Beitrag zur Klärung der o.g. Grundsatzfrage zur epistemologischen Bewertung des kath. Religionsunterrichtes dar.

Die "Handreichung zum Lehrplan" macht den Verkündungscharakter des kath. Religionsunterricht unmißverständlich deutlich:

"Die Kirche sieht den Erziehungsauftrag des Lehrers im selbstlosen Dienst am Schüler, um Glauben zu ermöglichen oder zu vertiefen. Die Pfarrseelsorge erwartet von ihm Außen- und Zuliefererdienst. ...
Der Religionsunterricht hat es der Sache nach mit Bekenntnis zu tun. Entsprechend wird die Rolle des Religionslehrers ... definiert durch einen existentiellen Bezug zu dieser 'Sache'. Es wird von ihm erwartet, daß er die Sache des Evangeliums zu seiner eigenen macht und sie ­ soviel an ihm liegt ­ glaubwürdig bezeugt" (S. 9)
"Religionsunterricht wird erteilt in Übereinstimmung mit den grundsätzlichen Lehren der Kirche. Das Grundgesetz verlangt die Konfessionalität des Religionsunterrichtes" (S. 13)

Die der römisch-katholischen Kirche grundgesetzlich zustehende Kontrolle über den Religionsunterricht wird in der Praxis bekanntlich durch Erteilung b.z.w. den Entzug der Lehrerlaubnis (missio canonica, vocatio) ausgeübt. Die Aussage, daß Grundgesetz verlange die Konfessionalität ist in dieser scharfen Form jedoch unzutreffend. Vielmehr garantiert es ihn den Großkirchen.

"Theologie als einen Bezugswissenschaft des Religionsunterrichts hat die Aufgabe, den von der Kirche bezeugten Glauben an Gott, der sich in Jesus Christus endgültig geoffenbart hat, zu reflektieren und systematisch zu erschließen."(S. 15)

Der Bezug auf die Theologie als wissenschaftliche Basis ist problematisch, zeigt doch schon obiges Zitat selbst, daß Theologie nicht dem gewöhnlichen Wissenschaftsbegriff entspricht. Eine endgültige, unhinterfragbare Voraussetzung wie etwa "Glauben an Gott, der sich in Jesus Christus endgültig geoffenbart hat" oder Ähnliches wird von den, auf ständige Wissenserneuerung und -korrektur ausgerichteten, Human- und Naturwissenschaften nicht akzeptiert.

Für den kath. Religionsunterricht hat das naheliegende Konsequenzen.

"Diese Sicht des theologischen Zusammenhangs beruht also auf der Voraussetzung, daß Gottes Wort immer in Menschenwort erging und Gott selbst im Menschsein verständlich wurde" (S. 24)

Der Religionsunterricht ist damit das einzige Lehrfach in dem ­ u.a. unter Berufung auf die sog. Wissenschaft Theologie ­ die Vermittlung bloßer Meinungen in einer Form stattfindet, in der diese nicht als solche kenntlichgemacht sind, sondern unterschiedslos mit Fakten vermischt werden ("Glaubenswissen" vgl. S. 32). Im Weiteren werden hierzu einige Beispiel angeführt. Man beachte besonders die faktische Sprechweise, d.h. "Gott tut dies und das" statt "Manche Menschen meinen Gott tut dies und das", "Jesus tat ..." statt "In dieser Geschichte steht Jesus tat ..."

"Kennenlernen, wie Jesus den Menschen begegnet" (CuLp 1. Jhgst.)
"Wahrnehmen, daß Gott die Menschen annimmt und liebt" (CuLp 1. Jhgst.)
"Die Bibel als ein Buch verstehen lernen, das von Taten Gottes erzählt, die die Menschen froh machen" (CuLp 2. Jhgst.)

Dies fordert u. a. ein Ausblenden aller massmörderischen Strafaktionen des alttestamtlichen Gottes, sowie der neutestmentlichen ewigen Strafdrohungen selbst für minimale Vergehen.

"Aufmerksam werden, daß die Botschaft von der Menschwerdung Gottes nicht als Augenzeugenbericht, sondern in verschiedenen Erzählungsformen des Glaubens mitgeteilt wird" (CuLp 3. Jhgst.)

Man beachte, daß hier lediglich der Augenzeugenbersichtscharakter abgelehnt wird. Das tangiert einerseits die Behauptung den Erzählungen lägen historische Ereignisse zugrunde, ebensowenig wie die, es handle sich um Information über Übernatürliches. Da andererseits die Schüler ein Alter erreichen, in dem sie in der Lage sind offensichtliche Widersprüche, wie sie die Bibel aufweist, selbst wahrzunehmen, ist es für das Überleben des Glaubens daher vital, daß diese den "Erzählern" zugeschrieben werden können.

"Einsicht in die Grunderfahrung, daß Gott rettet" (CuLp 3. Jhgst.)
"Gottes Gebote schätzen lernen" (CuLp 4. Jhgst.)
"Einblick gewinnen in die vielfältige Art und Weise in der das neue Testament die Auferstehung Jesu bezeugt" (CuLp 4. Jhgst.)
"Aufmerksam werden auf die vielerlei Arten in denen der heilige Geist in der Kirche wirkt" (CuLp 4. Jhgst.)
"Bewußtsein, daß von Gott in Bildern gesprochen wird und Bilder Gott nicht fassen können" (CuLp 5. Jhgst.)

Dieses Lernziel zeigt besonders das sich Lösen von der religionskundlichen Wirklichkeit, welche sich ja ganz auf die Menschen und ihre Gottesbilder, da nur diese einer objektiven empirischen Untersuchung zugänglich sind, beschränken muß, hin zum Unfaßbaren ­ zur reinen Mystik

"Bewußtsein, daß die Bibel als Wort Gottes die Geschichte Israels nicht einfach beschreibt, sondern aus dem Glauben immer neu deutet" (CuLp 6. Jhgst.)
"Einsicht, daß Beten eine menschliche Grundhaltung darstellt" (CuLp 6. Jhgst.)
"Einsicht, daß die Botschaft Jesu zur Umkehr aufruft" (CuLp 7. Jhgst.)
"Einsicht, daß die biblische Schöpfungserzählung Welt und Leben auf Gott hindeutet und zum verantwortlichen Handeln aufruft" (CuLp 8. Jhgst.)
"Bereitschaft, göttliche Gebote und biblische Weisungen als Lebensregeln anzuerkennen. (CuLp 8. Jhgst.)
"Bereitschaft, Liebe als Norm für die menschliche Sexualität anzunehmen." (CuLp 8. Jhgst.)
"Fähigkeit, echte Religiosität von religiösen Fehlformen zu unterscheiden" (CuLp 9. Jhgst.)
"Achtung vor den positiven Werten in den Weltreligionen unter Anerkennung des besonderen Ranges des Christentums" (CuLp 9. Jhgst.)
"Bereitschaft sich der christlichen Sicht des ehelichen Zusammenlebens zu öffnen" (CuLp 9. Jhgst.)

Das Argument, es handle sich hier lediglich um eine kindgerechte Form der Wahrheitsvermittlung, die deshalb vordergründig als Verbreitung von Unwahrheit erscheinen, kann nicht überzeugen. Ein verantwortungsvolle Alternative zur Vermittlung einer Wahrheit, die zu komplex ist, ist nicht die Verbreitung von Unsinn, sondern die Beschränkung (möglicherweise unter Hervorhebung der Beschränktheit) auf die im jeweiligen Alter schon verständlich zu machenden Teile.

Beispiel: Die Vorgänge bei der stellaren Kernfusion sind sicherlich zu schwierig für die erste Klasse der Grundschule. Daß ein Stern eine riesige leuchtende Kugel ist, die nur so klein wirkt, da sie sehr weit weg ist, sollte aber problemlos zu erklären sein. Es besteht keine Notwenigkeit Mythen, es handle sich um die Lagerfeuer anderer Stämme oder die Überreste der Gedärme bezwungener Giganten verschleiert in der Form eines Tatsachenberichts zu verbreiten.

Warum die Geschichten aus dem alten und neuen Testament von vornherein in einer Art und Weise weitergegeben werden müssen, als handele es sich um tatsächliche Ereignisse ist nicht einzusehen. Für einen Religionskundeunterricht wäre ein solches Vorgehen inakzeptabel, für einen Glaubensunterricht ist es jedoch verständlich

Mit Ausnahme der Religionslehre scheint eine Vermittlung nur von zutreffenden Erklärungen und Beschreibungen in allen anderen Fächern zu funktionieren. Gerade dies trägt in fataler Weise zur religiösen Indoktrination bei: Das Kind, das vor allem in den unteren Jahrgangsstufen vollständig auf den Lehrer als Autorität und Wissensvermittler angewiesen ist, macht in allen diesen Fächern die Erfahrung, daß die gegebene Information im Allgemeinen zutreffende und nützlich ist. Das legt nahe, daß die im selben faktischen Stile vorgetragenen religiösen Meinungen den entsprechenden Vertrauensvorschuß genießen.

Im weiteren wird die religiöse Dominanz noch verdeutlicht:

"Rein historisches Wissen über Person und Werk Jesu eröffnet nicht den entscheidenden Zugang zu ihm" (S. 34)

Was hier als "Person Jesu" zu verstehen ist wird dahingehend erläutert, daß die ganzen Evangelien als aufgeschriebene Worte Jesu zu gelten haben. "Nicht alle Worte und Zeichen Jesu konnten aufgeschrieben werden. Die aber in der Bibel festgehalten sind wurden deshalb aufgeschrieben ..."(S. 36) Daß "die in der Bibel festgehaltenen" schlicht alles umfaßt, was dazu in der Bibel steht geht aus den faktischen Formulierung "Jesus sagt", "Judas verrät", "Pilatus verurteilt" etc. (S. 63) hervor.

Diese Auffassung kann vor den Erkenntnissen der Geschichtsforschung keinen Bestand haben. Dennoch wird sie dem Lehrer als Grundlage für die Wissensvermittlung empfohlen.

Die im Religionsunterricht als vorgeblich kindgerecht verbreiteten Auffassungen zeigen eine deutliche Parallele mit dem Glaubensverständnis christlich-fundamentalistischer Kreise. Das verwundert nicht, insofern umgekehrt religiöser Fundamentalismus als eine Art Kinderglaube betrachtet werden kann. Folgerichtig begrüßen selbst als liberal geltende Theologen (z.B. Hick) den Fundamentalismus als eine Art Rekrutierungsorgan der Kirchen. Daß der Religionsunterricht entsprechenden Zwecken und nicht primär der Vermittlung objektiver religionskundlicher Information dient, sollte nach dem Gesagten außer Zweifel stehen.

Quelle: Handreichung zum Lehrplan Katholische Religionslehre Grundschule. Erarbeitet von der Konferenz der Referenten für Religionspädagogik in den bayerischen Diözesen und dem Regionalen Religionspädagogischen Zentrum in Bayern (RRPZ)

Herausgegeben vom Kath. Schulkommisariat I in Bayern, 8000 München 2, Maxburgstr. 2, September 1979

Entsprechend: Handreichung zum Lehrplan Katholische Religionslehre Hauptschule bzw. Beiblatt CuLp


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Letzte Änderung: 15 Juli 2006