Wer HT der hat

Wahrlich, ich war mit Blindheit geschlagen, aber durch das Erscheinen und die Gnade des hl. ECU ist mir ein Licht aufgegangen. Es ist unter Humanisten ja eine weitverbreitete Klage, daß das Einkommenssteuergesetz kirchliche Zwecke den gemeinützigen vollkommen gleichstellt. Eine kirchliche Organisation muß also nie nachweisen, daß sie etwas tatsächlich Wirksames zum Wohl der Menschen tut, sondern es reicht der monotone Hinweis darauf, die Werke der Weltkirche zu tun. Wie genau die Mittel eingesetzt werden, ob ein Projekt zur Stärkung der wirtschaftlichen Unabhängigkeit von Frauen oder ein neuer Gottesdienstraum Priorität genießen bleibt völlig dem kirchlichen Gutdünken überlassen.

Noch abstruser wird das Ganze dadurch, daß auch Privilegien, wie die steuerliche Absetzbarkeit und der staatliche Einzug der Kirchensteuer damit gerechtfertigt werden, daß die Kirche soziale Dienste leistet. ("Die Kirche tut doch soviel Gutes!"). Der einzelne Steuerzahler hingegen kann nicht durch das Vorlegen einiger Spendenquittungen erreichen, daß er generell von der Steuer befreit wird, obwohl doch diese Quittungen zweifellos zeigen, daß er auch viel Gutes tut. Humanistische Forderungen erschöpften sich bisher weitgehend darin, man möge doch die Kirchenprivilegien streichen und die dadurch frei werdenden Mittel direkt für soziale und kulturelle Zwecke einsetzen, indem man das Geld Einrichtungen zukommen läßt die gleichgültig ob sie von religiösen oder sonstigen Organisationen getragen werden für einen optimalen Einsatz der Mittel zum objektiven Nutzen aller sorgen und deren Aktivitäten öffentlicher Kontrolle unterliegen. Nun mag dieses Ziel auf lange Sicht durchaus erstrebenswert und erreichbar sein, da aber die schon verstrichene Zeit darauf hindeutet, daß dies noch lange dauern kann, sind durchaus auch Gedanken angebracht, wie man die bestehende Situation im Hier und Heute optimal nutzen kann.


"Wir sind ein einziges Mal geboren; zweimal geboren zu werden, ist nicht möglich; eine ganze Ewigkeit hindurch werden wir nicht mehr sein dürfen. Und da schiebst du das, was Freude macht, auf, obwohl du nicht einmal Herr bist über das Morgen? Über dem Aufschieben schwindet das Leben dahin, und so mancher von uns stirbt, ohne sich jemals Muße gegönnt zu haben.", Epikur


Da Appelle, einen vernünftigen Einsatz steuerbegünstigter Spenden besser zu kontrollieren bisher offensichtlich ungehört verhallen, sollte man rationalerweise allmählich daran denken, das beste aus der Situation zu machen und auch über andere Wege nachdenken. Der Staat will anscheinend unbedingt Dinge, die einzelnen spirituell wichtig erscheinen, finanziell fördern, ganz unabhängig davon, was dieses Glaubensgut konkret ist. Es hat ja auch niemanden zu interessieren, woran das Herz des einzelnen hängt. Wenn der Herr Pfarrer unbedingt steuerfreie goldene Leuchter für den Tisch des Herrn benötigt, so soll er sie denn in Gottes Namen haben. Allerdings sollte dann auch Vergleichbares für alle gelten. Gibt es doch in unserer Gesellschaft viele Menschen, die ihr Herz (und Vermögen) an Dinge hängen, deren überragender Wert für andere nicht unbedingt einsehbar ist: Der Fußballfan, der das ganze Jahr über spart, um seine Mannschaft zu jedem Spiel und sei es im tiefsten Urwald in Uruguay begleiten zu können; der Briefmarkensammler, der eine Hypothek auf sein Haus aufnimmt, um 2,7 Quadratzentimeter vergilbtes Papier erwerben zu können; der Maurer, der Überstunden bis zum Umfallen schiebt, um endlich das ersehnte Tuning für seinen Manta bezahlen zu können. Wieso soll das erhebende Gefühl [3], das jemand beim Besuch eines konzertanten [4] Gottesdienstes im besonderen Ambiente und unter den herausragenden akustischen Bedingungen einer Kirche empfindet, grundsätzlich höher zu bewerten sein, als der Kick eines ACDC Fans, der sich "Hells's Bells" beim Cruising mit seiner neuen 1500 Watt 5 Kanal Super Sonic Stereoanlage reinzieht? Daher möchte ich die Gründung einer Religionsgemeinschaft der hedonistischen Toleranz (HT) vorschlagen für all jene, die den Wert des Wohlergehens an sich als höchste Bestimmung des Menschen schätzen.

Entsprechend dem Grundgedanken der Toleranz soll jeder Mitglied sein können, auch wenn er z.B. einer anderen Religionsgemeinschaft angehört. Für eine Übergangszeit müßten die Beiträge wohl wie bei gewöhnlichen Vereinen eingezogen werden. Nach Zulassung als anerkannte Religionsgemeinschaft i. S. der Weimarer Verfassung wird dies der deutsche Staat zu günstigen Bedingungen übernehmen, was erhebliche Einsparungen im Verwaltungsaufwand zu Folge haben sollte. Wie dies auch bei den derzeit anerkannten Kirchen der Fall ist, sollen die Mitglieder Anrecht auf Serviceleistungen der Kirche haben. Wie auch bei anderen Religionsgemeinschaften üblich, können natürlich für spezielle Dienstleistungen Gebühren verlangt werden. Der Normalbeitrag könnte z.B. etwa 8% der zu zahlenden Lohnsteuer umfassen. Andererseits ist eine freiwillige erhöhte Beitragszahlung möglich. Als Spende wäre diese bis zu 5% des Bruttoeinkommens steuermindernd wirksam. Ein kleiner Teil des Kirchenvermögens kann jedoch auch für soziale Einrichtungen, die der HT nahestehen, ausgegeben werden. Unabhängig davon ob dieser (von den Mitgliedern festzusetzende) Betrag einen Anteil am Gesamtumsatz der Kirche, wie er bei anderen Religionsgemeinschaften üblich ist, unter- oder überschreiten sollte, ist in jedem Fall zu beachten, daß die verschiedenen allgemeinen und speziellen Förderungen der öffentlichen Hand, wie sie gewöhnlich den Einrichtungen anerkannter Religionsgemeinschaften zukommen, eine Vervielfachung dieser Mittel bewirken wird.


"Dafür, daß die Freude das höchste Ziel unseres Lebens ist, liegt der Beweis darin, daß die lebenden Wesen von Geburt an daran Gefallen finden, dagegen dem Schmerz naturgemäß und unbewußt sich widersetzen. Aufgrund unserer eigenen Erfahrung also fliehen wir den Schmerz; denn selbst Herakles schreit laut, während er von dem Gewande (des Kentauren Nessos) zerfressen wird: 'Sein Schreiben, Heulen hallten rings die Felsen nach, der Lokrer Vorgebirge und Euböas Klippenstrand.'", Epikur


Im Sinne der Gleichbehandlung ist auch eine weitergehende Bezuschussung der HT aus den öffentlichen Haushalten zu fordern insoweit andere anerkannte Religionsgemeinschaften ähnliche Förderung aufgrund ihrer "allgemeinen sozialen Bedeutung", d.h. ohne bestimmte Gegenleistung, erhalten. Selbstverständlich ist eine Vereinbarung mit den Ländern anzustreben, die diese dazu verpflichtet, gegenleistungslos die Bezahlung führender Kirchenmitglieder zu übernehmen, damit diese ihre innerkirchlichen Aufgaben wahrnehmen können, ohne daß dies Kosten für die Mitglieder der HAT zur Folge hat. Bisher wurde nur angeführt, inwieweit die HT einen rechtlichen Status, vergleichbar dem gegenwärtig anerkannter Religionsgemeinschaften, anstreben soll.

So wie es zwischen diesen Unterschiede in der internen Organisation gibt, hat natürlich auch die HT das Recht, ihre interne Struktur, insbesondere die interne Verteilung von Leistungen nach eigenen Prinzipien zu regeln. So kann z.B. im Sinne der der Weltanschauung zugrundeliegenden Toleranz darauf verzichtet werden, daß etwa Reinigungspersonal für Räume der Religionsgemeinschaft dieser angehören muß. (Glaubenslehre: Wer HT dem wird gegeben, wer aber nicht HT, dem nehmen wir nicht auch noch das wenige, das er hat.) Da die HT unmittelbar nach ihrer Gründung als Verein bestehen wird, ergibt sich automatisch, daß sie die für Vereine einzuhaltenden Standards für Mitbestimmung, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit erfüllen wird. Diese sollen auch nach Umwandlung in eine anerkannte Religionsgemeinschaft erhalten bleiben. Jedes Mitglied der HT, das in freier, gleicher und geheimer Wahl die Mehrzahl der Stimmen auf sich vereinigen kann, ist befähigt, einen Vorstandsposten zu erhalten.


"Denke nicht, es sei unnatürlich, daß, wenn das Fleisch ruft, auch die Seele ruft. Das Fleisch ruft: nicht hungern, nicht dürsten, nicht frieren! Es ist schwer für die Seele, dem zu widerstehen, und es ist auch gefährlich für sie, den Ruf der Natur zu überhören, weil täglich ihre Freiheit davon abhängt.", Epikur


Für die Inanspruchnahme von Kirchenleistungen ist ein Katalog aufzustellen, aus dem die Mitglieder der Kirche Leistungen wählen können bis zu einem Höchstwert, der sich aus ihrem prozentualen Anteil an Leistungen (Mitgliedsbeiträge und Spenden), den sie in das Kirchenvermögen eingebracht haben, berechnet. Natürlich ist es auch möglich, hier eine soziale Komponente einzubauen, etwa indem z.B. arbeitslosen Mitgliedern auf der Grundlage ihrer früher bezahlten Beiträge eine Grundleistung zuerkannt wird. Der Katalog, der sowohl Individualisten als auch an Gemeinschaftserlebnissen interessierten Menschen vieles bieten soll, könnte etwa umfassen:

Obwohl die HT prinzipiell allen offensteht, kann es natürlich unter Umständen erforderlich sein, Personen, die sich schädigend gegen unsre Ziele verhalten, ihre Rechte abzuerkennen. Das stellt jedoch keinen Ausschluß aus der spirituellen Gemeinschaft dar. Aufgrund des §166, der unsere geliebte HT, deren höchstes und edles Ziel es ist, dem einzelnen bei der Verwirklichung seines persönlichen Glücks, was auch immer er darunter verstehen mag, zu helfen, schützt, sind wir glücklicherweise vor jeder Art verleumderischer Angriffe von außen sicher.


"Anfang und Wurzel alles Guten ist die Freude des Magens; selbst Weisheit und alles, was noch über sie hinausgeht, steht in Beziehung zu ihr." , Epikur


An HT-eigenen Schulen und Kindergärten sind Schüler aller Bekenntnisse willkommen. Der Religionsunterricht an allgemeinen Schulen hat sich streng an den utilitaristischen Grundsätzen der HT zu orientieren, z.B. dürfen die Schüler, die die Hilfestellung des Lehrers bei den Hausaufgaben wünschen, bei ihrer Arbeit nicht von denen beeinträchtigt werden, die Videos ansehen oder Lebensmittel verzehren. Dafür ist von den Schulen geeignetes Unterrichtsmaterial (hier: Kopfhörer, nach ökologischen Kriterien erzeugte Naturprodukte) kostenlos bereitzustellen. Selbstverständlich soll jeder Schüler die von ihm gewünschte Note erhalten. Einziges Kriterium hierbei ist, ob er sich kooperativ darin verhält, auch seinen Mitschülern die Verwirklichung von deren Wünschen zu ermöglichen. Die HT wird sich dafür einsetzen, daß allen Schülern das einvernehmliche und wohnliche Gestalten und Schmücken der Klassenräume ermöglicht wird. Sinngemaeß gilt fuer die Militärseelsorge der HAT ... Und hier wurde es dem Autor zuviel Schreibarbeit, darum endet der Artikel abrupt. Schließlich ist die HT eine individualistische Kirche, also machen Sie sich doch selber einen schönen Schluß.


"Der Menschensohn ist gekommen, er ißt und trinkt, darauf sagen sie: Dieser Fresser und Säufer, dieser Freund der Zöllner und Sünder! Und doch hat die Wahrheit durch die Taten, die sie bewirkt hat, recht bekommen", Matthäus 11, 19


[1] Aus einem Prospekt zur jesuitischen Mission in Burma: "Die oberdeutsche Provinz SJ verfolgt als Körperschaft öffentlichen Rechts steuerbegünstigte Zwecke (hier Missionsarbeit) und ist gemäß §5 Abs. 1 Nr.8 KStG von der Körperschaftssteuer befreit. Wir bestätigen, daß wir den uns zugewendeten Betrag ausschließlich im Sinne der Ordenssatzung hier der Arbeit in der Weltkirche verwenden"

[2] Zitat: "Die Tätigkeit der JRS-Helfer umfaßt aber auch : Überwachung - Hygiene - medizinische Soforthilfe - Menschenrechtsberatung - Glaubenshilfe - Anleitung zum Gemüseanbbau in kleinen Gärten und mehr."

[3] Auch der Wink mit dem jenseitigen Zaunpfahl ist durchaus noch nicht aus der Mode, wenn es gilt die Spendenfreudigkeit anzuheben. Weiteres Zitat: "Niemand kann etwas mitnehmen, aber jeder kann etwas vorausschicken."

[4] vgl. Horst Herrmann, Kirchenaustritt Jetzt!. Goldmann: Augsburg (1994) S. 89


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Letzte Änderung: 11 August 1997