Können Experimente die Theorie einer flachen Erde widerlegen?

Man kann die Oberfläche der angeblich kugelförmige Erde mit Hilfe der (polständigen) stereographischen Azimutalprojektion als Teil einer (flachen) Ebene darstellen. Hierzu wird jeder Punkt A der Erdoberfläche durch eine gedachte Gerade mit dem Südpol verbunden. Dort wo diese Gerade die auf dem Nordpol aufliegende Ebene schneidet, befindet sich der Bildpunkt A'. (Der Südpol selbst wird bei Bedarf in einen Extrapunkt außerhalb der Ebene abgebildet. Vgl. Wilhelmy, Kapitel 1 Seite 43. In der Mathematik benutzt man eine analoge Konstruktion um die sog. Ein-Punkt-Kompaktifizierung der Ebene zu demonstrieren)

 stereographischen Azimutalprojektion

Wenn man diese Projektion zur Herstellung einer Karte benutzt, beschränkt man sich im Allgemeinen auf eine (hier die nördliche) Hemisphäre.

Nordhalbkugel

Dies ist aber nicht zwangsläufig notwendig. Wenn man sich nicht darauf beschränkt, so erhält man eine folgendermaßen aussehende Karte.

Erde ohne Antarktis

Ein größerer Teil der Antarktis wurde hier nicht dargestellt, da dieser als ein gigantischer Ring erscheinen würde, der den Rest der Erde umgibt und man die nördliche Hemisphäre auf Punktgröße schrumpfen müßte, damit alles auf dem Bildschirm sichtbar ist. Wollte man die gesamte Antarktis sichtbar machen, so wäre sogar ein unendlich großer Bildschirm notwendig.

Man kann nun behaupten, daß unsere so erhaltene Karte nicht nur ein Abbild der Wirklichkeit, sondern die Wirklichkeit selbst darstellt, daß also z.B. Feuerland wirklich größer ist als Nordamerika und Eurasien zusammengenommen. Wie könnte nun jemand, der dies bezweifelt, versuchen unsere Theorie der stereographisch azimutalen Flacherde zu widerlegen?

Er könnte beispielsweise mit einem Meterstab eine Expedition nach Feuerland unternehmen, um selbst nachzumessen. Nun besagt jedoch unsere Theorie, daß, wenn sich etwas nach Süden bewegt, es sich stetig ausdehnt und wenn es nach Norden zurückkehrt, sich ebenso stetig wieder zusammenzieht. Sowohl unser Expeditionsteilnehmer, als auch sein Meterstab würden also länger werden. Es würde also tatsächlich gemessen werden, daß Feuerland kleiner ist, das ist aber gerade, was unser Theorie vorhersagt, da eine Messung mit einem vergrößerten Meterstab ein kleineres Meßergebnis liefert als mit einem unveränderten. Es kann also gar keine Rede von einer Widerlegung der Theorie der stereographisch azimutalen Flacherde sein, vielmehr wurde sie bestätigt.

Auch die bekannte Physik, die sich im dreidimensionalen Raum abspielt, kann mühelos in die Theorie integriert werden. Betrachten wir zum Beispiel die Tatsache, daß, wenn sich ein Schiff auf dem Meer von uns entfernt, zuerst die unteren Teile des Schiffes hinter dem Horizont verschwinden und zuletzt erst die Mastspitze. Dieses wird oft als Beweis für die Tatsache, daß die Erde gewölbt ist, ausgegeben. In der Tat kann dies, wie die folgende Graphik zeigt, mit Hilfe der Annahme einer kugelförmigen Erde erklärt werden, wenn man zugleich annimmt, daß sich Licht geradlinig ausbreitet.

angeblich gebogene Erdoberfläche

Damit ist also gezeigt, daß bei geeigneten Voraussetzungen die Erde möglicherweise kugelförmig sein kann, jedoch keinesfalls gezeigt, daß sie nicht auch flach sein könnte, d.h. die Flachheit ist damit nicht widerlegt. In der Tat werden wir nun darlegen, wie der oben beschriebene Effekt ebenso als ganz natürliche Folge der Theorie der stereographisch azimutalen Projektion auftritt, wenn man diese auf drei Dimensionen ausdehnt.

Die stereographische Azimutalprojektion kann nicht nur auf die Oberfläche der Erde angewendet werden, sondern auf jede Kugeloberfläche, die den Mittelpunkt der Erde als Zentrum hat. Um die Komplexität der Zeichnung zu verringern, stellen wir diese verschachtelten Kugeloberflächen als Kreise dar. Das obige Beispiel aus Wilhelmy loc. cit. sähe damit so aus.

Projektion eines Grosskreises

Wir stellen uns nun den gesamten dreidimensionale Raum als aus konzentrischen Kugeloberflächen bestehend vor, von denen jede nach der Methode der stereographisch azimutalen Projektion in eine Ebene verwandelt wird. Diese Ebenen übereinandergeschichtet ergeben wiederum einen dreidimensionalen Raum. Dies gibt eine Abbildung des Raumes in sich selbst, mit deren Hilfe man durch simples Einsetzen alle herkömmlichen physikalischen Bewegungsgleichungen in solche der Theorie der stereographisch azimutalen Flacherde umwandeln kann. Wir betrachten als Beispiel die Ausbreitung von Licht.

Abbildung des dreidimensionalen Raumes in sich

Den Weg, den ein Lichtstrahl über der flachen Erde beschreibt, erhält man, indem man alle Punkte, an denen dieser die vorgestellten Kugeloberflächen (hier dargestellt als hellblaue Kreise), die die Erde umgeben, schneidet, miteinander verbindet.

Dies zeigt nun, daß unsere Theorie der stereographisch azimutalen Flacherde in Übereinstimmung mit unserer Beobachtung ist. Licht, das von den unteren Teilen des Schiffes ausgeht, kann unser Auge nicht erreichen, da es von der flachen Erde blockiert wird. Das heißt, es scheint so, als wäre die Erde rund, wenn man nicht den genauen Verlauf der Lichtstrahlen berücksichtigt - so wie etwa auch eine gerade Stange, die man in ein Wasserbecken hält aufgrund der Lichtbrechung gebogen erscheint.

Lichtbiegung als Alternativerklärung

Es ist also klar ersichtlich, daß man durch lediglich physikalische Beobachtungen und Messungen nicht unterscheiden kann, ob die Erde flach ist oder nicht.

Dennoch findet die Theorie einer flachen Erde in der Wissenschaft keine Beachtung. Dies liegt jedoch nicht daran, daß alle Theorien die eine flache Erde annehmen widerlegt worden wären.

Literatur
  1. Gardner, Martin. "Occam's Razor and the Nutshell Earth." Skeptical Inquirer 12 (4) (1988): 355-58.
  2. Russell, Jeffrey Burton. Inventing the flat earth: Columbus and the modern historians. New York, Praeger, 1997
  3. Schadewald, Robert. J. "The Flat-Earth Bible." The Bulletin of the Tychonian Society #44 (July 1987):
  4. Schadewald, Robert. J. "Scientific Creationism, Geocentricity, and the Flat Earth." Skeptical Inquirer Winter 1981-82
  5. Shermer, Michael. "The Heretic-Personality. Alfred Russell Wallace and the Nature of Heretical Science." The Skeptic 4 (3) 1997: 84-93.
  6. Straughen, Kirk. "Biblical Cosmography."the skeptic 17 (3) (19997): 28-31
  7. Swindler, Adrian. "The Flat-Earth Belief of Bible Writers" The Skeptical Review winter (1990): 9-11
  8. Wilhelmy, Herbert. Kartographie in Stichworten. Kiel: Ferdinand Hirt, 1972.

Englische Version dieses Textes.


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Letzte Änderung: 23 April 2008