Pendelkunde


Am Anfang einer Entwicklung, die dem Menschen viel an praktischer Lebenshilfe gab und ihm einiges über die Natur und sich selbst lehrte, stand das Pendel. Es war einer der Väter der Wissenschaft, Galilei, der dieses Instrument zu nutzen wußte. Was machte das Pendel so geeignet?

Ein bißchen Physik

Nützlich war, daß die Schwingungsdauer des Pendels, das ist die Zeit, die es benötigt um einmal hin und zurück zu schwingen, fast nicht von der Größe der Auslenkung, d.h. der Weite der Schwingung abhängt. Dadurch erhält man einen regelmäßigen Zeittakt. Auch hängt die Schwingungsdauer kaum von der Pendelmasse ab. Wählt man einen Pendelkörper hoher Dichte, so schwingt aufgrund der geringen Reibung, das Pendel lange nach. Andererseits läßt sich die Schwingungsdauer leicht durch die Fadenlänge beeinflussen und so den Erfordernissen anpassen.

Wegen dieser Gründe war es das exakteste Mittel zur Zeitmessung. Heutzutage stehen viel bessere Mechanismen zur Zeitmessung zur Verfügung. Das Pendel aber hat auf anderem Gebiet traurige Berühmtheit erlangt.

Eine Menge Okkultismus

Man nehme ein Stück Zwirn, befestige daran eine Nähnadel oder einen Ehering - und schon hat man ein Instrument zur Erforschung der Zukunft, gegen das die Großrechner der Prognoseinstitute verblassen sollen. Gleichzeitig übertrifft es angeblich die Fähigkeiten der modernsten medizinischen Diagnosemethoden. Um die Liste der Wundertaten, die manche Leute dem Pendel zuschreiben, nicht endlos fortzusetzen, sei nur noch das Auffinden der geheimnisvollen und gesundheitsschädlichen Erdstrahlen erwähnt. Ich hatte selbst Gelegenheit, derartige Unternehmungen, bei denen z.B. Zahl und Geschlecht der Kinder ausgependelt werden, zu beobachten.

Zumeist wird dies anfangs aus Neugier zur Unterhaltung betrieben und ist dann noch ziemlich harmlos. Da die Ergebnisse, aus der Sicht des Pendelnden, oft überraschend gut zutreffen, wird der Glaube in verborgene Zusammenhänge gestärkt. Bis zum Heranziehen eines Erdstrahlenkundigen (Radiästhesisten), der das Haus auf Wasseradern untersucht und mit wunderlichen Geräten "böse" Schwingungen vertreibt, ist es dann meist nicht mehr weit. In einzelnen Fällen kann es soweit gehen, daß man okkultistische Praktiken über sein gesamtes Leben bestimmen läßt. Hier hat Pendel somit oft eine Wirkung vergleichbar einer "Einstiegsdroge", die den Weg in zunehmende psychische Abhängigkeit vorzeichnet. Eine Lebensgestaltung ohne den "übersinnlichen" Berater findet in solchen Fällen dann nicht mehr statt. Auch wenn Entscheidungen von wirklicher Wichtigkeit zu fällen sind, so tritt an die Stelle vernünftiger Überlegungen der zufällige Ausschlag des Pendels. Nicht nur seelische Beeinträchtigungen sind die Folge, auch körperliche Schäden, z.B. durch das Versäumen notwendiger medizinischer Maßnahmen, können auftreten.

Es bewegt sich doch

Dabei ist das einzig wirklich Erstaunliche, daß sich die korrekte Erklärung für das Schwingen des Pendels sich bis heute in der Öffentlichkeit nicht durchgesetzt hat. Dabei hat schon 1640 der Jesuit Athanasius Kircher unbewußte Muskelbewegungen als Ursache diskutiert. Die physikalischen Eigenschaften des Pendels kommen dem entgegen. Die geringe Reibung ermöglicht die sog. Resonanz, d.h. ein Anwachsen der Schwingung bei rhythmischem Anstoß. Die Stöße können dabei so gering sein, daß man sie einzeln nicht sehen und auch der Pendler sie nicht wahrnehmen kann. Folglich erscheint die Bewegung aus dem Nichts zu entstehen. Wie sind aber die durch das Pendel gewonnenen Aussagen die ja häufig durchaus zutreffen, ja mitunter sogar überraschend präzise erscheinen. zu erklären?

Das angeblich Unerklärliche

Um zu überprüfen, ob das Pendel richtig Auskunft gibt, befragt man es meist über einen Sachverhalt, der dem Pendelnden selbst bekannt ist. Beliebt ist hier z.B. das Auspendeln des Geschlechts einer bekannten Person. Dies führt dazu, daß dieser, in Erwartung eines Ausschlages, unbewußt das Pendel so anstößt, daß es in die richtige Richtung schwingt. Dieser Effekt wird als Ideomotorik bezeichnet. Ähnliches tritt auf, wenn auch nur eine anwesende Person die Antwort kennt welche durch ihre Gestik und Mimik Anhaltspunkte liefert. Sie reagiert unwillkürlich auf zufällige Bewegungen und "führt" damit den Pendler, der diese Reaktion bewußt oder unbewußt aufnimmt, in die richtige Richtung.

Irgendwann wird auch Zukünftiges ausgependelt, schließlich soll dies ja der Zweck des Pendelns sein. Neben Zufallstreffern spielt jetzt der Mechanismus der "sich selbst erfüllenden Vorhersage" eine Rolle. Wer fest an die Fähigkeit des Pendels glaubt und von diesem eine ungünstige Prognose erhält, wird dadurch verunsichert, so daß die Gefahr, tatsächlich einen Fehler zu begehen, zunimmt.

Manchem verstellt der Glaube an die Pendelei, bzw. der Wille zum unhinterfragten Glauben, den Blick für die Realität, so daß, was immer auch geschieht, auf eine Übereinstimmung mit der Vorhersage hineinterpretiert wird. Professionelle Auspendler unterstützen dies indem sie mehrdeutige und schwammige Aussagen bevorzugen, die im nachhinein auf vielerlei Art interpretiert werden können. Zur Not finden dann auch die, z.B. aus der Astrologie bekannten Argumente Verwendung, wie, das Pendel zeige nur Tendenzen der persönlichen Entwicklungen, die sich nicht in jedem Einzelfall auswirken würden.

Aus dem bisher Gesagten ergibt sich, wie ein Test, der zuverlässig über die Fähigkeiten des Pendels Auskunft geben soll, beschaffen sein muß. Bereits vor Versuchsbeginn muß ein Plan erstellt werden, der beschreibt, wie die Ergebnisse zu quantifizieren und auszuwerten sind. Dem Pendler muß jede Möglichkeit, Informationen über die auszupendelnden Umstände, auf herkömmlichen Wege zu gewinnen, genommen werden. Insbesondere muß unbewußte Beeinflussung und müssen Täuschungen ausgeschlossen werden. Um eine Fehlbewertung aufgrund von Zufallstreffern auszuschließen, muß der Test wiederholbar sein.

Kein derartig sorgfältig durchgeführter Test ergab je eine positives Urteil über die magischen Fähigkeiten des Pendels. Umgekehrt entsprachen Versuche mit unerklärlichen Ergebnissen nicht den genannten Anforderungen und sind daher wertlos. (Für Einzelheiten siehe Literatur)

Das Pendel und die Erdstrahlen

Eine besondere Rolle spielt das Pendel beim Auffinden von sog. Erdstrahlen, Störzonen, Wasseradern u. s. w. , nicht nur, weil hier das meiste Geld durch Okkultisten gescheffelt wird und große Gefahr für die Gesundheit der so "Behandelten" lauert, sondern vor allem deshalb, weil die Erdstrahlen, auch unabhängig vom Unsinn der Pendelei, als reines Phantasieprodukt entlarvt wurden. Nicht nur widersprechen sich verschiedene Radiästhesisten, wenn sie unbeeinflußt voneinander auf einem Grundstück die Störzonen auffinden sollen. Auch ein einzelner Strahlenfühliger kann seine soeben festgestellten Wasseradern nicht wiederfinden, wenn ihm die Möglichkeit zur Wahrnehmung des Geländes auf gewöhnliche Weise genommen ist. Auch Versuche, Erdstrahlen mit physikalischen Verfahren zu messen oder Wirkungen auf Tiere zu ermitteln, verliefen erfolglos.

Zusammenfassung

Für die Behauptungen der Radiästhesisten, das Pendel vermittle übernatürliche Fähigkeiten, konnten keine Belege gefunden werden. Die "Leistungen" des Pendels sind im Rahmen der gewöhnlichen Wissenschaft, vor allem der Physiologie und Psychologie, leicht erklärbar. Diese Erklärungen sind experimentell überprüfbar und, mit positivem Ergebnis, überprüft.

Trotz seines eindeutig erwiesenen, totalen Versagens spielt das Pendel eine herausragende Rolle in der Okkultszene. Hier, wie in allen Fällen, in denen Menschen sich in Abhängigkeit von abergläubischen Denken befinden, ist es die Aufgabe einer human orientierten Wissenschaft, zu versuchen, durch Aufklärung Schaden vom Einzelnen und der Gesellschaft abzuwenden.

Literatur

Um die Literaturliste kurz zu halten werden nur ein Übersichtsartikel und ein Buch aufgeführt. Weitere Hinweise finden sich dort.

[1] Prokop, Otto; Wimmer, Wolf, Wünschelrute Erdstrahlen Radiästhesie. Enke, Stuttgart 1985

[2] Reimann W., Das siderische Pendel, in : Prokop, Otto (Hrsg.), Medizinischer Okkultismus, VEB Gustav Fischer Verlag, 4. Auflage 1977

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Gerald.Huber@geographie.uni-regensburg.de

Letzte Änderung: 16 Juli 1995