Die Theorien des Professor Erich Blechschmidt

Erich Blechschmidt, former Professor for Anatomy at the University of Göttingen, postulated in many of his popular books, that he had proved scientifically the existence of a human being exactly from the fertilization of the ovum on. This claims had great impact on society, especially through abortion laws. E. g. official Roman Catholics refer to them to defend their views as scientific objective. We show that Blechschmidts opinion is not based on science - that means inter-subjective recognizable facts - but on superstition, namely his believe in Creationism and supernatural influences forming the embryos body.

Unsere Aufgabe kann nicht sein, das Gegebene vor den Richterstuhl unserer Denkgesetze zu zitieren, sondern vielmehr unsere Gedanken, Vorstellungen und Begriffe dem Gegebenen anzupassen.

Ludwig Boltzmann

Blechschmidt will in seinem Fachgebiet, der Embryologie, eine Behauptung von Albertus Magnus belegen, den er wie folgt zitiert (1): "Glaube und Wissen können sich niemals widersprechen, weil sie letztlich aus der gleichen Quelle, Gott und seiner Offenbarung stammen." Da aber in der Realität mitunter durchaus Forschungsergebnisse erzielt werden, die mit bisherigen Glaubensvorstellungen unvereinbar sind, stellt sich die Frage nach der Priorität. Hierzu Albertus Magnus: "Die zum Glauben gehörende Wahrheit darf nie der Lehre eines Weltweisen weichen." Das ist die Leitlinie von [1] "Die Erhaltung der Individualität".

Stammes- und Individualentwicklung

Blechschmidt ist voll zuzustimmen, wenn er in die Kritik an den Fälschungen einstimmt, die der Biologe Ernst Haeckel beging, um zu beweisen, daß die Entwicklung eines Lebewesens - etwa eines Menschen aus einer befruchteten Eizelle - nur eine Wiederholung der Stammesgeschichte ist. Er geht aber weiter und behauptet nicht nur, daß von der Stammesentwicklung keinerlei Schluß auf die Individualentwicklung möglich ist, sondern erklärt sogar, es gebe gar keine Stammesentwicklung. Die Evolutionstheorie ist für ihn eine Ideologie (2) . Er verweist auf SCHEVEN [5], um das zu belegen. Eine Sichtung dieses Belegs fördert nur die unsinnigen Argumente der Creationisten zutage, die an die Stelle der Evolutionslehre die wörtlich genommene biblische Schöpfungslehre setzen wollen (3).

Darüber hinaus hat er noch ein eigenes Argument gegen die Evolution anzubieten: "Es ist deshalb nicht objektiv und daher naturwissenschaftlich unerlaubt, die Entwicklungsbewegungen der Ontogenese als zweckmäßig zu bezeichnen ...Wer behauptet ... die Schwänze der Katzen und Mäuse seien ganz einfach die Folge von Anpassung durch Selektion, hat eine Betrachtungsweise, die nur billigen Wunschbildern entgegenkommt" (4) "Die naturwissenschaftliche Frage ist, welche Gesetzmäßigkeiten gelten für jede einzelne Differenzierung" (5). Es bleibt Blechschmidts Geheimnis, wo hier ein Widerspruch sein soll, und weshalb nur die Frage, wie sich ein Organ zu seiner Form entwickelt, berechtigt sein soll, nicht aber die Frage, warum es sich gerade hierzu entwickelt.

Da es keine Stammesgeschichte gibt, gibt es laut Blechschmidt auch keine stammesgeschichtlichen Verwandtschaften (Homologien) zwischen den Organen verschiedener Lebewesen. Das ist gut so, denn wie Blechschmidt feststellt (6), widerspräche das Auftreten von Homologien dem von ihm aufgestellten Grundprinzip. Es ist

Das Prinzip der Erhaltung der Individualität

Dieses Prinzip wird auf zweierlei Art bewiesen. Träfe die materialistische Anschauung zu, daß die Entwicklung durch die Gene vorgegeben ist, so wurden diese den Menschen zu einer skrupellosen, eigensüchtigen Maschine degradieren (7). Die Konsequenzen waren schrecklich. Alle Menschen wurden nur noch egoistisch handeln, das Dasein wäre sinn- und wertlos. Also muß der Mensch eine Geist-Seele besitzen (8). Also gibt es eine leib-seelische Einheit, die genau ab dem Zeitpunkt der Befruchtung existiert.

Abgesehen davon, daß der zwingende Schluß vom Materialismus auf den Egoismus jeder Begründung entbehrt, wird hier offensichtlich nach dem Prinzip, daß nicht sein kann, was nicht sein darf, vorgegangen.

Die zweite Beweisführung geht so: Die Gene können nicht das allein Bestimmende für den Aufbau des Organismus sein, da sie ja erst von Komponenten des Zytoplasmas abgelesen werden müssen. Woher weiß nun das Zytoplasma zu jedem Zeitpunkt, welche genetische Information es verwenden soll (9)? Die gängige Antwort, daß ein Regulatorgen bestimmte Abschnitte der DNS freigibt und sperrt, kontert Blechschmidt mit der Frage: "Wer steuert das Regulatorgen ? (10) " Er übersieht dabei, daß soeben die Antwort darauf gegeben wurde. Denn da das Regulatorgen auch ein Gen ist, kann es sich - über Zwischenstufen - selbst steuern. Da Blechschmidt die Möglichkeit der Existenz einer Selbstregulierung von vornherein ausschließt, gleichzeitig aber nach der letzen Ursache der Differenzierung fragt, verwundert nicht, daß er schließlich zum Beweis einer "außermateriellen Wirklichkeit" gelangt.

Er postuliert Gestaltungskräfte (Morphogenetische Felder) (11). Diese sollen chemisch und physikalisch nicht vollständig erklärbare, also übernatürliche Materialbewegungen in bestimmten Bereichen sein (12) (13). Dabei wird behauptet, daß "die örtlich verschiedenen Differenzierungen unmittelbarer Ausdruck von Kräften in physikalischen Sinn und nicht von chemischen Eigenschaften besonderer Substanzen sind. Es gibt tatsächlich Gestaltungskräfte, aber keine Gestaltungsstoffe" (14). Ihre Ursache ist angeblich eine von außen - anscheinend aus der außermateriellen Wirklichkeit - kommende Energie (15) . Wiederum soll dies alles darauf schließen lassen, daß beim Menschen eine Geist-Seele angenommen werden muß. Deren Erhaltung während der Entwicklung ist nach Blechschmidts Definition die Erhaltung der Individualität .

Ein Beweis für die außermateriellen Kräfte wird nicht präsentiert, dafür werden jedoch die Belege für eine chemische Kommunikation der Zellen (z.B. Wachstumshormone) ignoriert. Nach Blechschmidts Auffassung ist dies kein Mangel, da er den Wert einer experimentellen Prüfung zugunsten einer glaubensabhängigen Deutung relativiert (16). Zweifel sind von vornherein unzulässig (17).

Sonstiger Unfug

Platzgründe erlauben nur eine kleine Auswahl aus [3] zu bringen.

"Es gibt aber auch Menschen mit 'zugespitzten' Körperenden.... Diese Menschen neigen manchmal, auch graphologisch nachweisbar, zur Bevorzugung zugespitzter Reaktionen." (18) Wenn man nicht davon ausgeht, daß das "manchmal" der Aussage jeden Informationswert nimmt, handelt es sich um einen platten Analogismus. Auch der "graphologische Nachweis" vermag nicht zu überzeugen, da es sich bei der Graphologie insgesamt um eine wissenschaftlich nicht belegte Lehre - von vergleichbarem Rang wie die Astrologie - handelt.

"Wir greifen mit den Handtellern zwei Enden eines Gegenstands ab und erleben dabei zugleich die gegenseitigen Abstände unserer Hände.... Dies können wir mit dem Doppelstrich eines Gleichheitszeichen objektiv darstellen." (19) Einen ausführlichen Kommentar hierzu und zu den weiteren, ähnlich wissenschaftlichen Äußerungen Blechschmidts zu geben, würde zu weit führen. Der Leser kann sich beim Vergleich mit der Fachliteratur leicht selbst ein Bild vom Wert dieser Aussagen machen (20) .

Wissen sie was sie tun?

Zum Thema wird das Ganze erst durch folgenden Satz: "Wer gar behauptet, man könne wissenschaftlich den Beginn menschlichen Lebens nicht nachweisen und die Entscheidung darüber dem einzelnen überlassen wissen möchte, verbreitet eine Unwahrheit, ..." (21). Dies ist die Meinung vieler, z.B. auch der katholischen Kirche. Das bischöfliche Ordinariat Regensburg gab auf Anfrage sechs Literaturhinweise zum Beleg dieser ihrer Aussage. Die Ausführungen des Moraltheologen BÖCKLE [4] stützen diese Aussage überhaupt nicht. SCHLEIERMACHER [6] postuliert, daß die Behauptung aus der Einmaligkeit der Chromosomen ab dem Zeitpunkt der Befruchtung folgt. Er arbeitet hierbei mit dem Begriff der Beseelung. Einen wissenschaftlichen - d.h. von persönlichen Glaubensvorstellungen unabhängigen - Beweis gibt er nicht. Die restlichen vier Hinweise beziehen sich auf Werke von Blechschmidt, nämlich [l], [3], [71 und [8]. In Anbetracht dessen, daß die katholische Kirche anerkennenswerterweise die Evolutionslehre nicht verdammt, drängt sich die Frage auf, ob sie weiß, wen sie sich zum Kronzeugen gewählt hat.

  1. [1] S.12
  2. [1] S.33 f. und [3] S.8
  3. Eine Besprechung von [5] würde hier den Rahmen sprengen. Ich verweise auf die kritische Literatur zum Creationismus.
  4. [3] S.84 f.
  5. [1] S.30
  6. [1] S.32
  7. [1] S.49 f.
  8. [1] S.94
  9. [1] S.48
  10. [1] S.41
  11. [1] S.42 f.
  12. [1] S.42 f. und S.55
  13. Bemerkenswert ist der Unterschied zwischen den populärwissenschaftlichen und den fachwissenschaftlichen Schriften Blechschmidts. In [3] S.141 heißt es, in Erläuterung einer Zeichnung zweier Strichmännchen, die Flüssigkeit aus einem porösen Stoff herauspressen: "Stoffwechselfelder, in denen in ähnlicher Weise bei Gleitbewegungen von Zellen Flüssigkeit schnell ausgepreßt und das Gewebe verhärtet wird, sind Detraktionsfelder. Solche Detraktionsfelder sind Entstehungsgebiet von Knochen". In [2] hingegen sind Detraktionsfelder einfach definiert als "Differenzierungsgebiete normalen Knochengewebes..." Die übernatürlichen mechanischen Kräfte werden hier nicht erwähnt. Die Gründe für die Wahl der Bezeichnung "Detraktionsfeld" bleiben im Dunkeln.
  14. [1] S.42
  15. [1] S.92
  16. [1] S.12
  17. [1] S.12 und S.46
  18. [3] S. 146
  19. [3] S.154
  20. Beispiel: Bis zur Einführung des Gleichheitszeichens im 16. Jahrhundert waren verschiedene Symbole in Gebrauch. Die Form ist also keineswegs allein durch die Physiologie bestimmt. vgl. Beckman, Petr. The History of Pi. Boulder CO: The Golem Press, 1970. Leider kann hier nur ein kleiner Einblick in den Blechschmidtschen Stil, der sich aus unscharfen Definitionen und wirren Schlüssen zusammensetzt gegeben werden. Dem Leser sei empfohlen selbst einmal [1] zu studieren.
  21. [1] S.95

Literatur

[1] Blechschmidt, Erich. Die Erhaltung der Individualität. Stuttgart: Hänssler Verlag, 1985
[2] Blechschmidt, Erich. Die vorgeburtliche Entwicklung des Menschen. Freiburg i. B.: Verlag S. Kargen, 1960
[3] Blechschmidt, Erich. Wie beginnt das menschliche Leben. Stein am Rhein: Christiania Verlag, 1984
[4] Böckle, Franz. Probleme um den Lebensbeginn II: Medizinisch-ethische Aspekte. in: Handbuch der christlichen Ethik, Bd. 2
[5] Scheven, Joachim. Daten zur Evolutionslehre im Biologieunterricht. Stuttgart: Hänssler Verlag, 1979
[6] Schleiermacher, Engelhard. Der Beginn des Lebens. in: Johannes Reiter u. Ursel Theile, Genetik und Moral: Beiträge zu einer Ethik des Ungeborenen. Mainz: 1968
[7] Blechschmidt, Erich. Vom Ei zum Embryo: Die Gestaltungskraft des menschlichen Keimes. Stuttgart: 1968
[8] Blechschmidt, Erich. Sein und Werden: Die menschliche Frühentwicklung. Stuttgart: 1982

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Letzte Änderung: 9 Januar 1997