Astrologen lagen mit ihren Prophezeiungen auch 1995 daneben

von Edgar Wunder

Am Ende eines jeden Jahres treten Astrologen, Wahrsager und andere Hellseher mit Zukunftsprognosen an die Oeffentlichkeit. Dabei verschweigen sie sorgsam ihre Aussagen vom Vorjahr, die sich fast stets zu 100 % als falsch erwiesen haben. Seit 1991 veroeffentlicht deshalb die in Rossdorf bei Darmstadt beheimatete Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) eine Zusammenstellung der zurueckliegenden Prognosen - zum Aerger derer, die sie vor 12 Monaten getroffen haben. Viele der "Vorhersagen" sind immer so vieldeutig und vage, dass die Entscheidung schwerfaellt, ob sie nun eingetroffen sind oder nicht. Beispielsweise sagte die Hellseherin und Parapsychologin Madame Bauer aus Loerrach voraus, auch 1995 seien "wieder viele Unruhen, Umweltkatastrophen und Menschenrechtsverletzungen zu erwarten", wobei allerdings voellig offen blieb, wo, wann und durch wen. Das "Medium" Maria Fischer aus Bad Woerishofen orakelte, auch 1995 koennten die "Probleme der Ostblockländer ... vorerst nicht geloest werden", eine nicht sonderlich gewagte Aussage. Andere "Prognosen" sagten in einem sehr allgemein gehaltenen Ton Dinge vorher, die sowieso jedes Jahr irgendwo auf der Welt passieren (Erdbeben, Arbeitslosigkeit, Regierungswechsel u.a.m.) oder mit deren Eintreffen ohnehin zu rechnen war. Viele "Hellseher" sagen nur voraus, dass sich bereits laufende Trends und Entwicklungen weiter fortsetzen werden, wie zum Beispiel wirtschaftliche Unsicherheit oder Buergerkriege, also Dinge, die sich jeder Zeitungsleser ohnehin haette denken koennen. Die GWUP verwendet fuer ihre Trefferstatistik deshalb nur Prognosen, die (a) konkret sind und (b) deren Eintreffen nicht ohnehin zu erwarten war. Aussagen von Astrologen und Hellsehern, die diese Bedingungen erfuellen, sind heute eher selten (geworden, insbesondere seit die Wahrsager mit der oeffentlichen Ueberpruefung solcher Prognosen durch die GWUP rechnen muessen). Unter 51 solchen Prognosen von 14 Astrologen und Hellsehern fuer das Jahr 1995 fanden sich u.a. folgende Aussagen: - Auf Papst Johannes Paul II. werde ein Anschlag veuebt (Astrologe Hans Sporrer) bzw. er werde versterben (Shandro Ramagani sowie Madame Semira, Stuttgart). Der Tod des Papstes wird uebrigens bereits seit 1982 Jahr fuer Jahr von verschiedenen Astrologen vorhergesagt, ohne dass die Prophezeiung bisher eintraf. - Am 11.9.1995 um 12.37 Uhr werde ein schweres Erdbeben Tokio erschuettern, so der japanische Astrologe Tengyo Sen. Das Erdbeben blieb aus, trotzdem verliessen einige veraengstige Astrologieglaeubige an diesem Tag die Stadt. - Als deutschen Fussballmeister 1995 prophezeite der Muenchner Parapsychologe Shandro Ramagani den 1.FC Kaiserslautern. Tatsaechlich erhielt Dortmund den Titel. - Die Astrologin Rahel Buerger erklaerte zum F.D.P.-Politiker Klaus Kinkel: "Da der Transitsaturn 1995 ... in der zweiten Dekade Fisch ist, wird das Kinkels Position staerken. Er kann seinen Platz behaupten und seiner Partei neue Standfestigkeit auf Bundesebene geben." Tatsechlich wurde Kinkel bekanntlich als F.D.P.-Vorsitzender abgewaehlt und seine Partei fiel sowohl in Landtagswahlen als auch in bundesweiten Umfragen unter die 5-Prozent-Huerde. - Fuer Ende Maerz prophezeite die Astrologin Patricia Bahrani einen starken Hagelschauer in Hildesheim. In der zweiten Maerzhaelfte fiel in Hildesheim jedoch kein Hagel. - Ebenfalls sagte Bahrani fuer den 24.11.1995 eine Massenkarambolage auf der Autobahn zwischen Regensburg und Lappersdorf voraus. Auch diese blieb aus. - Zu Rudolf Scharping meinte die Astrologin Rahel Buerger Anfang 1995: "Der Loewemond zeigt, dass er auf das Volk wirkt und dass er Humor hat". - Fuer Ende 1995 sagte die Astrologin Patricia Bahrani einen Regierungswechsel in Bonn voraus. Deshalb werde Helmut Kohl am 17.11.1995 einen "gesundheitlichen Zusammenbruch" erleiden. Auch dieser Termin verstrich ohne Erfuellung der Prognose. - Fuer "Juni, Juli oder August" 1995 sagte der bayerische Astrologe Hans Sporrer einen "Fuehrungswechsel in Russland" voraus.

Unter allen 51 Prognosen war keine einzige, die die Astrologen und Hellseher als Treffer fuer sich haetten verbuchen koennen. Offensichtlich ist es nicht moeglich, aus Horoskopen oder durch "Hellsehen" sinnvolle Zukunftsprognosen abzuleiten. Es ist wichtig zu betonen, dass kein einziger der ca. 6000 Astrologen in Deutschland die wirklich ueberraschenden Ereignisse des Jahres 1995 voraussagte: zum Beispiel die Wahl Lafontaines zum SPD-Vorsitzenden, den beginnenden Friedensprozess in Bosnien Ende November oder die Ermordung von Jitzhak Rabin in Israel. Diese Neuigkeiten kamen naemlich so unerwartet, dass es tatsaechlich "uebersinnlicher" Faehigkeiten bedurft haette, sie schon vor 12 Monaten richtig vorherzusehen. Falls es unter den zahlreichen Astrologen und Wahrsagern auch nur einen einzigen geben sollte, der tatsaechlich ueber die von ihm behaupteten Faehigkeiten verfuegte, haette man erwarten sollen, dass solche und aehnlich konkrete Ereignisse richtig vorhergesagt worden waeren. Das war aber bisher noch nie der Fall. Ein besonderes Kapitel sind die dunklen Prophezeiungen der franzoesischen "Sehers" Nostradamus (1503-1566). Seine jeweils vierzeiligen Verse - einige Hundert an der Zahl - sind derart duester und unverstaendlich formuliert, dass man seinerseits wieder Hellseher sein muesste, um zu verstehen was er gemeint haben koennte. Auch nennt Nostradamus sogut wie nie Jahreszahlen, weshalb die Zuordnung der einzelnen Verse zu verschiedenen Jahren unklar ist und durch verschiedene Nostradamus-Anhaenger sehr unterschiedlich und spekulativ vorgenommen wird. Letztlich kann man in die bewusst vieldeutigen Orakel des Nostradamus jede beliebige Situation oder Erwartung hineininterpretieren. Zukunftsprognosen sind aufgrund der Nostradamus-Texte nicht moeglich, wie auch das Jahr 1995 wieder zeigte: Nach dem Glauben des selbsternannten "Nostradamus-Forschers" Manfred Dimde sei z.B. folgende Aeusserung des Nostradamus fuer 1995 gueltig: "Der Neugewaehlte fuehrt die Truppen an, Bis zum Ufer hin geschlagen auf's Haupt, Huelf'in Mailand suchend, Augen raubt, Man dem Herzog im Kerker zu Milan." Durch fantasievolle Deutung meinte Dimde, aufgrund dieses Verses fuer 1995 eine Oelkrise sowie den Tod des Papstes prophezeien zu koennen. In den vergangenen Jahren sind viele Astrologen dazu uebergegangen, ihren Klienten anstatt von Schicksalprognosen nur noch allgemeine Charakterdeutungen zu stellen. Doch auch diese Formen der Astrologie halten einer wissenschaftlichen Ueberpruefung nicht stand, wie zahlreiche unabhaengige Tests zeigten. Das Tierkreiszeichen einer Person steht beispielsweise in keinem Zusammenhang mit deren Charaktereigenschaften, wie verschiedene psychologische Untersuchungen ergaben. Die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) mit Sitz in Rossdorf bei Darmstadt untersucht aussergewoehnliche Behauptungen, die meist voreilig als uebersinnlich oder paranormal eingestuft werden. Sie bedient sich dabei wissenschaftlicher Methoden, um blosse Behauptungen und Fehlvorstellungen von Erkenntnissen abzugrenzen. Zu den derzeit 400 Mitgliedern gehoeren bekannte Wissenschaftler (fast) aller Disziplinen, aber auch wissenschaftlich interessierte Laien. Themen, die von der GWUP behandelt werden, sind beispielsweise "Erdstrahlen", Aussenseitermethoden in der Medizin, Astrologie, UFOs, Parapsychologie, Okkultismus und diverse behauptete Wunder. Die Untersuchungsergebnisse der GWUP werden in der von ihr herausgegebenen Zeitschrift "Skeptiker" veroeffentlicht.


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Letzte Änderung: 19 Juni 1997