Ein Porträt des Hackers als junger Mann

Richard Stallmans Mutter, Alice Lippman erinnert sich noch an den Augenblick, als ihr auffiel, dass ihr Sohn besonders begabt war.

„Ich glaube, er war damals acht“ erinnert sie sich.

Es war im Jahre 1961 und Lippman, eine kürzlich geschiedene Alleinerziehende, schlug an einen Nachmittag eines Wochenendes in der kleinen Ein—Schlafzimmer—Wohnung in Manhattans Upper West Side die Zeit tot. Beim Durchblättern einer Ausgabe des Scientific American stieß sie auf ihre Lieblingsserie, die „Mathematischen Spiele“ von Martin Gardner. Lippman war zu dieser Zeit Aushilfskunsterzieherin und ihr gefiel Gardners Artikelserie wegen der darin vorkommenden Denkspiele. Während ihr Sohn auf dem Sofa nebenan schon in ein Buch vertieft war, entschied sie sich, den Versuch zu wagen, das Problem dieser Woche zu lösen.

„Ich war nicht die Beste, wenn es um das Lösen der Rätsel ging“, gibt sie zu, „aber als Künstlerin halfen sie mir wirklich, konzeptionelle Schranken zu überwinden.“

Beim Versuch dieses Rätsel zu lösen, lief sie sofort gegen eine Wand. Als sie gerade daran war, das Magazin verärgert in die Ecke zu pfeffern, wurde sie von einem sanften Ziehen an ihrer Bluse überrascht.

Sie erinnert sich: „Es war Richard. Er wollte wissen, ob ich irgendeine Hilfe brauche.“

Ungläubig das Rätsel und ihren Sohn betrachtend, war sie ursprünglich skeptisch. Aus dieser Skepsis wurde schnell Staunen, als sie den Lösungsweg ihres Sohnes erfuhr. „Zwar wusste ich schon immer, dass er ein kluger Junge war, aber hier sah ich zum ersten Mal etwas, das mir zeigte, wie weit fortgeschritten er wirklich war.“

Jetzt, 20 Jahre später, bringt die Erinnerung sie zum Lachen. „Um die Wahrheit zu sagen, glaube ich nicht, dass ich je die Lösung des Puzzles herausgebracht hätte. Ich erinnere mich nur daran, dass ich erstaunt war, dass er die Antwort wusste.“

Während sie am Esstisch ihrer zweiten Wohnung in Manhattan sitzt — derselben geräumigen Drei–Schlafzimmer–Anlage, in die sie und ihr Sohn nach ihrer Hochzeit mit dem inzwischen verstorbenen Maurice Lippman zogen — verströmt Alice Lippman die Mischung aus Stolz und Verwunderung einer jüdischen Mutter, wenn sie sich der frühen Jahre ihres Sohns erinnert. Auf der nahen Anrichte steht ein 8x10 Zoll großes Foto von Stallman, der mit Vollbart und Doktorrobe finster drein blickt. Neben dem Bild wirken die danebenstehenden von Lippman's Neffen und Nichten, zwergenhaft. Doch bevor der Besucher zuviel hinein interpretiert, ist Lippmann darauf bedacht, diese hervorgehobene Position mit einer Flachserei zu relativieren.

„Richard bestand darauf, dass ich es nehme, nachdem er seinen Ehrendoktor der Universität von Glasgow erhalten hatte. Er sagte zu mir: ,Stell dir vor Mama, das ist der erste Abschluss, bei dem ich je an der Zeremonie teilgenommen habe.'“1

Solche Kommentare zeigen den Sinn für Humor, den man durch das Aufziehen eines Wunderkindes erwirbt. Man möge sich nicht täuschen, für jede Geschichte, die Lippman über die Starrköpfigkeit und das ungewöhnliche Verhalten ihres Sohnes hört oder liest, kann sie mindestens ein Dutzend weitere anführen.

„Er war immer so konservativ.“ Sie hebt die Hände in vorgetäuschter Verärgerung. „Genau hier am Tisch hatten wir die schlimmsten Auseinandersetzungen. Ich war in der ersten Gruppe von Lehrern öffentlicher Schulen, die um die Etablierung einer Gewerkschaft kämpften und Richard war sehr verärgert über mich. Seiner Ansicht nach waren Gewerkschaften korrupt. Er war auch sehr gegen das soziale Netz. Er dachte, die Leute könnten sehr viel mehr Geld erhalten, wenn sie es selbst investieren. Wer konnte wissen, dass er binnen zehn Jahren so idealistisch werden würde. Ich erinnere mich nur daran, wie seine Stiefschwester zu mir kam und fragte: ,Was wird aus ihm, wenn er erwachsen ist? Ein Faschist?'“

Lippman, seit fast zehn Jahren allein erziehend — sie und Richards Vater Daniel Stallman heirateten1948, wurden 1959 geschieden und teilten sich danach das Sorgerecht für ihren Sohn — kann Zeugnis von der Abneigung ihres Sohnes gegen Autorität ablegen. Ebenso wie von seinem Vergnügen am Wissen. Lippman sagt, dass in Zeiten, in denen diese beiden Kräfte zusammen wirkten, sie und ihr Sohn die größten Gefechte miteinander austrugen.

„Es war, als wolle er nie essen,“ sagt Lippman, wenn sie sich an das Verhalten erinnert, das mit acht einsetzte und bis zum Abschluss der Highschool im Jahre 1970 anhielt. „Ich rief ihn zum Essen und er hörte mich nie. Ich musste ihn neun oder zehn Mal rufen, nur um seine Aufmerksamkeit zu erwecken. Er war vollkommen vertieft.“

Stallman seinerseits erinnert sich ähnlich daran, allerdings mit einem politischen Anstrich.

„Ich las gerne. Wenn ich lesen wollte und meine Mutter mir sagte, ich solle in die Küche gehen, um etwas zu essen oder zu Bett, habe ich nicht auf sie gehört. Ich konnte keinen Grund erkennen, warum ich nicht lesen sollte. Keinen Grund, warum sie mir sagen könne, was ich zu tun habe, Punkt. Im Wesentlichen wandte ich das, was ich über Ideen wie Demokratie und Freiheit des Einzelnen gelesen hatte, auf mich selbst an. Ich sah keinen Grund, Kinder von diesen Prinzipien auszuschließen.“

Sein Glaube an die Freiheit des Einzelnen wirkte sich bis in die Schule aus. Mit elf war Stallman seinen Mitschülern zwei Jahre voraus und erfuhr all den Ärger eines Hochbegabten in der staatlichen Schule. Nicht lange nach dem Vorfall mit dem Puzzle fand sich seine Mutter zum ersten Mal in der Sprechstunde wieder, was in Zukunft noch oft passieren würde.

„Er weigerte sich strikt. Aufsätze zu schreiben.“ erinnert sich Lippman an einen früheren Streitpunkt. „Ich glaube, der letzte, den er vor seinem Übertritt an die Oberstufe in der Highschool schrieb, war über über die Geschichte des Zahlsystems im Westen für einen Lehrer der Vierten.

Stallman, der für alles, was analytisches Denken erforderte, begabt war, zog es zur Mathematik und den Naturwissenschaften auf Kosten seiner anderen Fächer. Was einige Lehrer für Zielstrebigkeit hielten, hielt Lippman für Ungeduld. Die Mathematik und die Naturwissenschaften boten schlicht zuviel Gelegenheit zu lernen, besonders im Vergleich zu Themen und Betätigungsgebieten, denen ihr Sohn weniger zuneigte. Sie erinnert sich, dass im Alter von zehn bis elf, als Stallmans Schulkameraden regelrechtes Touch–Football zu spielen begannen, ihr Sohn aufgebracht nach Hause kam. „Er wollte so gerne spielen, aber es fehlte ihm einfach die Koordination. Es machte ihn so wütend.“

Dieses Wut brachte ihn dazu, sich noch mehr auf die Mathematik und Naturwissenschaften zu konzentrieren. Selbst auf dem Gebiet der Naturwissenschaften führte seine Ungeduld zu Problemen. Mit sieben las er Analysisbücher und sah keine Notwendigkeit einfacher mit Erwachsenen zu reden. Irgendwann in der Mitte seiner Schulzeit stellte Lipmann einen Studenten der nahegelegenen Columbia Universität an, damit er den großen Bruder für ihren Sohn spiele. Nach dem ersten Termin verließ der Student die Wohnung der Familie und kam nie wieder. Lippman vermutet: „Ich denke, dass ihm, was Richard sagte, zu hoch war.“

Eine andere mütterliche Lieblingserinnerung stammt aus den frühen 60ern, kurz nach der Sache mit dem Rätsel. Etwa mit sieben, zwei Jahre nach der Scheidung und dem Umzug aus Queens, legte Richard sich das Steckenpferd zu, im nahegelegenen Riverside Drive Park Modellbauracketen steigen zu lassen. Was als zielloser Spaß begann bekam bald einen ernsthaften Anstrich, als ihr Sohn begann, die Daten eines jeden Starts festzuhalten. Wie sein Interesse an der Mathematik erregte auch diese Beschäftigung wenig Aufmerksamkeit, bis eines Tages kurz vor einem bedeutenderen NASA–Start Lipmann ihren Sohn fragte, ob er zusehen wolle.

„Er war außer sich. Er konnte mir gerade noch sagen ,Meine Ergebnisse sind noch nicht spruchreif.' Offenbar hat er etwas, was er der NASA so richtig zeigen wollte.“

Solch Anekdoten sind ein früher Hinweis auf die Intensivität, die Stallmans wichtigstes Markenzeichen werden sollte. Wenn andere Kinder zu Tisch kamen, blieb Stallman in seinem Zimmer und las. Wenn andere Johnny Unitas spielten, spielte er Werner von Braun. „Es war sonderbar.“, so Stallman in einem Interview des Jahres1999. in dem er seine frühen Jahre kurz zusammenfasst, „Ab einem gewissen Alter waren meine einzigen Freunde Lehrer.“1

Obwohl es bedeutete noch viel öfter zur Schule geladen zu werden, entschied sich Lippman die Leidenschaft ihres Sohns zu unterstützen. Mit zwölf besuchte Richard naturwissenschaftliche Lager im Sommer und eine Privatschule während des Schuljahrs. Als ein Lehrer empfahl, ihr Sohn möge sich für das Columbia Science Honors Programm, ein nach–Sputnik Programm für begabte Middle– und Highschoolschüler in New York City, einschreiben, erweiterte Stallman seine außerlehrplanmäßige Aktivitäten und pendelte bald samstags zum Campus der Columbia Universität.

Dan Chess, ein Mitstudent Stallmans im Columbia Science Honors Programm, erinnert sich, dass Stallman selbst unter den Studenten, die ein ähnliches Vergnügen an der Mathematik und den Naturwissenschaften hatten, etwas wunderlich wirkte. „Wir waren alle Computernarren und Streber, aber er war ungewöhnlich schlecht angepasst.“ erinnert sich Chess, der jetzt Mathematiklehrer am Hunter College ist, „Er war auch scheißschlau. Ich kannte viele schlaue Leute, aber ich halte ihn für den Schlausten von ihnen.“

Seth Breitbart, der ebenfalls das Columbia Science Honors Programm abgeschlossen hat, ist voll des Lobes. Er, ein Programmierer, der mit Stallman aufgrund einer gemeinsamen Leidenschaft für Sciencefiction und Sciencefictionkongreße in Kontakt blieb, erinnert sich, dass er mit seinem kurzgeschorenen Haaren furchterregend war, besonders für andere 15jährige.

„Es ist schwer zu beschreiben. Es war nicht so, dass er unnahbar gewesen wäre. Er war nur sehr intensiv, sehr kundig, in gewisser Weise aber auch sehr dickköpfig.“

Diese Beschreibungen geben Anlass zur Spekulation: Sind bedeutungsschwanger–urteilsbehaftete Adjektive wie „intensiv“ und „dickköpfig“ einfach eine Art Persönlichkeitsmerkmale zu beschreiben, die man heutzutage als jugendliche Verhaltensstörung einordnen würde? Ein Artikel von Dezember 2001 im Magazin Wired mit dem Titel „Das Geek Syndrom“ enthält Beschreibungen mehrerer naturwissenschaftlich begabter Kinder mit der Diagnose Autismus bzw. Asperger Syndrom. Die Erinnerungen der Eltern im Wired Artikel sind so ähnlich denen Lippmans, dass es einen sonderbar berührt. Sogar Stallman hat sich von Zeit zu Zeit einer psychiatrisch gefärbten Rückschau hingegeben. Bei einer Personenbeschreibung für den Toronto Star, beschrieb sich Stallman als „grenzautistisch“2,eine Beschreibung, die einen großen Teil der lebenslangen Neigung zu gesellschaftlicher und gefühlsmäßiger Isolation, ebenso wie das lebenslange Bemühen, diese zu überwinden, erklärt.

Solche Spekulationen sind, da die meisten sogenannten „Verhaltensstörungen“ heutzutage schnell als solche behauptet werden, aber nur unscharf definiert sind, natürlich leicht anzustellen. Wie Steve Silberman, Autor von „The Geek Syndrom“ anmerkt, erkennen die amerikanischen Psychiater erst seit kurzem „Asperger Syndrom“ als einen Sammelbegriff für eine große Palette an Verhaltensweisen an. Darunter fallen unter anderem eine schlechte Motorik, schlechte Sozialisation, hohe Intelligenz und eine geradezu besessene Zuneigung zu Zahlen, Computern und geordnete Systeme3.

In Betrachtung der Breite der Definition, hält Stallman es für möglich, dass er, wenn er 40 Jahre später geboren worden wäre, ihm eine solche Diagnose zuteil geworden wäre. Allerdings auch vielen seiner Kollegen aus dem EDV–Bereich.

„Möglicherweise hatte ich so etwas. Andererseits beinhaltet des Syndroms auch, dass man Schwierigkeiten hat, Rhythmen zu folgen. Ich kann tanzen. Tatsächlich liebe ich es, den kompliziertesten Rhythmen zu folgen. Es ist nicht eindeutig genug, um es wirklich zu wissen.

Chess jedoch weist solche Versuche einer nachträglichen Diagnose zurück „Wir dachten nie, dass er sowas hätte. Er war nur in Gesellschaft sehr unsicher, allerdings waren wir das alle.“

Lippman andererseits hält es für möglich. Sie erinnert sich an einige Geschichten aus der Kindheit ihres Sohns, die zur Spekulation einladen. Ein bedeutendes Symptom des Autismus kann eine Überempfindlichkeit für Geräusche und Farben sein und Lippman erinnert sich an zwei Anekdoten, die darauf hindeuten. „Als Richard ein Kind war, haben wir ihn zum Strand gebracht. Er fing zwei oder drei Blocks, bevor wir ankamen, zu weinen an. Erst beim dritten Mal fanden wir heraus, was los war: Das Wellengeräusch tat seinen Ohren weh.“ Sie erinnert sich an eine ähnlich lautstarke Reaktion auf eine Farbe. „Meine Mutter hatte leuchtend rotes Haar und jedes mal, wenn sie sich bückte um ihn hochzunehmen, jammerte er.“

Lippman sagt, sie habe in den letzten Jahren Bücher über Autismus gelesen und glaubt, das dies mehr als nur Zufälle waren. „Ich glaube, dass Richard manche Züge eines autistischen Kinds hatte. Es ist schade, dass damals so wenig über Autismus bekannt war.“

Lippman sagt, dass ihr Sohn mit der Zeit lernte, sich anzupassen. Mit sieben habe er gerne an der Frontscheibe von U–Bahn–Zügen gestanden und das labyrinthartige System von Geleisen unter der Stadt erkundet und sich eingeprägte. Für dieses Steckenpferd musste er sich an den Lärm gewöhnen, der bei jeder Zugfahrt auftrat. „Nur die Geräusche am Beginn schienen ihn zu stören, es war als ob ihn der Klang einen Schock versetze aber seine Nerven lernten wie die Anpassung vorzunehmen war.“

Im Wesentlichen zeigte laut Lippmans Erinnerung ihr Sohn dieselbe Begeisterung, Energie und Sozialkompetenz wie jeder normale Junge. Erst nachdem eine Reihe traumatischer Ereignisse den Stallmanschen Haushalt heimsuchten wäre ihr Sohn introvertiert und emotional unzugänglich geworden.

Das erste traumatische Ereignis war die Scheidung von Alice und David Stallman, Richards Vater. Lippman sagt, dass, obwohl sie und ihr ehemaliger Ehemann versuchten ihren Sohn auf den Schicksalsschlag vorzubereiten, er dennoch vernichtend war. „Er passte sozusagen nicht auf, als wir ihm das erste Mal erzählten, was passiert. Aber er hatte einen Zusammenstoß mit der Realität, als er und ich in eine neue Wohnung zogen. Das erste, was er sagte war, ,Wo sind Vaters Möbel?'“

Die nächsten zehn Jahre hindurch verbrachte Stallman die Werktage in der Wohnung seiner Mutter in Manhattan und die Wochenenden im Heim seines Vaters in Queens. Dieses Hin und Her bot ihm die Gelegenheit zwei nahezu gegensätzliche Arten von Elternschaft zu studieren, weswegen er bis zum heutigen Tage entschieden dagegen ist, selbst Kinder aufzuziehen. Wenn Stallman über seinen Vater, einen Veteranen des Zweiten Weltkriegs, der 2001 verstarb, spricht, halten sich Verärgerung und Respekt die Waage. Einerseits ist da der Mann, der sich moralisch verpflichtet fühlte, französisch zu lernen um den Alliierten von größerem Nutzen zu sein, wenn sie schließlich kämen. Andererseits war da der Elter, der wusste, wie man eine niederschmetternde Bemerkung so macht, dass sie ihr grausames Ziel erreicht4.

„Mein Vater hatte ein fürchterliches Gemüt. Er schrie nie, aber er fand immer eine Möglichkeit, einen auf eine kalte Art, die dafür gedacht war, einen zu vernichten, zu kritisieren.“

Was das Leben in der Wohnung seiner Mutter betrifft, hat Stallman eine eindeutigere Meinung. „Das war wie Krieg. In meinem Elend sagte ich oft, ,Ich möchte nach Hause', was bedeutete zu dem nicht existierenden Ort, den ich nie haben werde.“

In den ersten Jahren nach der Scheidung fand Stallman die Ruhe, die er zuhause nicht hatte im Heim seiner Großeltern. Dann, als er etwa 10 war, starben diese kurz nacheinander. Der Verlust war für Stallman furchtbar. „Ich ging sie gewöhnlich besuchen und fühlte mich in einer freundlichen, liebevollen Umgebung. Es war der einzige solche Ort, den ich je fand, bevor ich weg ging ins College.

Lippman führt den Tod von Richards Großeltern väterlicherseits als zweites traumatisches Geschehen an. „Es brachte ihn wirklich aus der Fassung. Beide standen ihm sehr nahe. Bevor sie starben war er sehr unternehmungslustig, fast einer, der die anderen Kinder mit sich zog. Nachdem sie starben zog er sich mit seinen Gefühlen viel mehr zurück.“

Aus Stallmans Sicht war dieser Rückzug nur ein Versuch mit den Leiden des Erwachsenwerdens umzugehen. Er bezeichnet seine Jugendjahre als „reinen Horror“ und sagt, er fühlte sich oft wie ein Tauber unter einer Menge ratschender Musikhörer.

„Ich hatte oft das Gefühl, nicht zu verstehen,was die anderen Leute sagten“, sagt Stallman, sich an die emotionale Blase erinnernd, die ihn vom Rest der Welt der Erwachsenen und Heranwachsenden abschnitt. „Ich konnte die Worte verstehen, aber etwas fand unter dieser Gesprächsebene statt, was ich nicht verstand. Ich konnte nicht verstehen, warum die Leute an den Dingen interessiert waren, die die anderen Leute sagten.“

Unbeschadet all der Leiden förderte die Zeit des Heranwachsens Stallmans Sinn für Individualität. Zu einer Zeit, als die meisten seiner Klassenkameraden ihr Haar wachsen ließen, zog Stallman vor, seines kurz zu tragen. Zu einer Zeit als alle Teenager der Welt Rock 'n Roll hörten, zog Stallman klassische Musik vor. Als hingebungsvoller Anhänger von Science Fiction, des Mad Magazins und des Spätfernsehens pflegte Stallman eine deutlich irre Persönlichkeit, die sich aus dem Unverständnis von Eltern und Gleichaltrigen gleichermaßen nährte.

„Oh, die Wortwitze“, stöhnt Lippman, immer noch verärgert bei der Erinnerung an den Charakter ihres jugendlichen Sohns. „Man konnte nichts am Esstisch sagen, worauf er einem nicht mit einem Witz erwidert hätte.“

Außer Haus witzelte Stallman in Gegenwart jener Erwachsenen, die sich an seiner Begabung erfreuten. Einer der ersten war ein Lehrer in einem Sommerlager, der dem zwölfjährigen Stallman einen Ausdruck eines Benutzerhandbuchs für den IBM 7094 Computer gab. Für jemanden an der Schwelle vom Kindesalter zum Jugendlichen, der fasziniert von Zahlen und Naturwissenschaft war, war es ein Geschenk des Himmels5. Ende des Sommers schrieb Stallman, den Spezifikationen der 7094 folgend, Programme auf Papier, in aufgeregter Vorfreude auf die Gelegenheit sie auf der wirklichen Maschine auszuprobieren.

Die ersten PCs würden erst in zehn Jahren erscheinen. und Stallman war gezwungen noch einige Jahre zu warten, bevor er zum ersten Mal Zugang zu einem Computer haben würde. Die erste Gelegenheit bot sich schließlich während seines letzten Jahres in der Unterstufe der Highschool. Er war am IBM New York Scientific Center, einer inzwischen geschlossenen Forschungseinrichtung in Downtown Manhattan, angestellt und verbrachte den Sommer nach dem Abschluss der Highschool damit, sein erstes Programm zu schreiben, einen Präprozessor für die 7094, geschrieben in PL/I. „Ich schrieb es zuerst in PL/I, begann dann von vorne in Assembler, da das PL/I–Programm zu groß für den Computer war.“ erinnert er sich.

Nach der Stelle beim IBM Scientific Center arbeitete Stallman als Laborassistent an der Biologiefakultät der Rockefeller Universität. Obwohl er bereits auf eine Karriere in der Mathematik oder Physik zusteuerte, beeindruckte Stallmans analytischer Verstand den Direktor des Laboratoriums hinreichend, dass, ein paar Jahre, nachdem er ins College weggegangen war, Lippman einen unerwarteten Anruf erhielt. „Es war der Professor vom Rockefeller“, sagt Lippman, „Er wollte wissen, wie es Richard ging. Er war erstaunt, zu hören, das er in der EDV arbeitete. Er dachte immer, Richard hätte eine großartige Zukunft als Biologe vor sich.“

Stallmans analytische Fähigkeiten beeindruckten auch die Lehrkräfte an der Columbia, selbst wenn er selbst Ziel ihres Zorns wurde. „Typischerweise fand [Stallman] ein oder zwei Fehler pro Stunde während jeder Vorlesung“, sagt Breitbart, „und er war nicht zurückhaltend dabei, es den Professor sofort wissen zu lassen. Es brachte ihm eine Menge Respekt, aber er wurde nicht sehr beliebt.“

Erzählt man ihm Breitbarts Anekdote, lächelt Stallman halbseiden. „Ich war ein ziemlicher Blödmann“, gibt er zu, „aber ich fand freundlich gesinnte Seelen unter den Lehrern, weil auch sie gerne lernten. Kinder tun das für gewöhnlich nicht, zumindest nicht auf dieselbe Art und Weise.“

Trotzdem ermutigte sein Zusammensein mit den etwas Älteren an Samstagen Stallman mehr über die Vorteile eines besseren sich Einfügens in das gesellschaftliche Leben nachzudenken. Das College kam schnell näher und Stallman hatte, wie viele in seinem Columbia Science Honors Program die Liste der Schulen, auf die er gehen wollte, auf zwei verkürzt: Harvard und das MIT. Als sie hörte, dass ihr Sohn auf Eliteuniversitäten gehen wollte, machte sich Lippman Sorgen. Als 15–jähriger Unterstufenschüler an der Highschool hatte Stallman immer noch Zusammenstöße mit Lehrern und der Verwaltung. Wenn man etwa nur das Jahr zuvor betrachtet, hatte er glatte As in amerikanischer Geschichte, Chemie, Französisch und Algebra aber ein hervorstechendes F in Englisch wies auf die anhaltende Weigerung hin, Texte zu schreiben. Solche Hinweise mochten am MIT ein wissendes in sich Hineinlachen hervorrufen, in Harvard waren sie jedoch ein Warnsignal.

Als ihr Sohn in der Unterstufe war vereinbarte sie einen Termin mit einem Therapeuten, sagt Lippman. Dieser zeigte sich prompt besorgt wegen Stallmans Schreibweigerung und seinen Zusammenstößen mit Lehrern. Ihr Sohn hatte sicherlich den nötigen Verstand um in Harvard erfolgreich zu sein, aber hatte er die Geduld einen Collegekurs durchzustehen, der eine schriftliche Abschlussarbeit erforderte? Der Therapeut schlug einen Versuch vor. Wenn Stallman ein ganzes Jahr an einer öffentlichen Schule der Stadt New York, einschließlich eines Englischkurses, der schriftliche Arbeiten erfordern würde, überstünde, wäre er wahrscheinlich auch in Harvard erfolgreich. Nach Abschluss der Unterstufe schrieb sich Stallman unverzüglich für das Sommersemester an der Louis D. Brandeis High School, einer öffentlichen Schule, die an der 84sten Straße lag, ein und begann die künstlerischen Pflichtkurse aufzuholen, die er vorher in seiner Highschool–Laufbahn gemieden hatte.

Im Herbst hatte Stallman zum Durchschnitt der New York City Highschool–Studenten aufgeschlossen. Es war nicht einfach, Kurse über sich ergehen zu lassen, die erschienen, als würden sie sich mit leicht lösbaren Problemen im Vergleich zu seinen samstäglichen Studien an der Columbia beschäftigen, aber Lippman erinnert sich stolz an die Fähigkeit ihres Sohnes zu spuren.

„Er war zu einem gewissen Grad zu einem Kotau gezwungen, aber er machte ihn. Ich wurde nur einmal einbestellt, was ein kleines Wunder war. Es war der Mathematiklehrer, der sich beschwerte, dass Richard seine Stunde unterbrach. Ich fragte, warum er das tat. Er sagte, Richard beschuldige ihn, einen falschen Beweis zu benutzen. Ich fragte: ,Und? Hat er recht?' Der Lehrer sagte, ,Ja, aber ich kann das der Klasse nicht sagen. Sie würde es nicht verstehen.'“

Am Ende seines ersten Semesters in Brandeis renkten sich die Dinge ein. 96 Punkte in Englisch machten die Schande der 60 von vor zwei Jahren wieder gut. Dazu passend erreichte Stallman hervorragende Werte in amerikanischer Geschichte, Analysis für Fortgeschrittene und Mikrobiologie. Die Krönung waren glatte 100 Punkte in Physik. Obwohl er gesellschaftlich immer noch ein Außenseiter war, beendete Stallman seine 11 Monate in Brandeis als viertbester Schüler einer Klasse von 789.

Außerhalb des Klassenzimmers verfolgte Stallman seine Studien sogar mit noch mehr Eifer , eilte zur Rockefeller Universität um dort seine Pflichten als Laborassistent zu erfüllen und wich Antivietnamdemonstranten auf seinem Weg zur Samstagsschule an der Columbia aus. Dort war es, wo Stallman sich einen Moment Zeit nahm, an der lockeren Zusammenkunft junger Männer vor Unterrichtsbeginn teilzunehmen, bei der die anderen Schüler des Science Honors Program herumsaßen und darüber redeten, auf welches College sie wollten.

Breitbart erinnert sich: „Die meisten gingen natürlich nach Harvard oder aufs MIT, aber ein paar zu anderen Eliteuniversitäten. Als der Reihe nach jede zu Wort kam, fiel auf, dass Richard noch nichts gesagt hatte. Ich weiß nicht, wer es war, aber jemand fand schließlich den Mut, ihn zu fragen, was er plane.“

Dreißig Jahre später erinnert sich Breitbart klar an diesen Moment. Kaum hatte Stallman die Neuigkeit ausgesprochen, dass auch er im Herbst nach Harvard gehen werde, wurde es eigenartig still im Zimmer. Fast als wäre dies sein Stichwort zogen sich Stallmans Mundwinkel nach oben zu einem selbstzufriedenen Grinsen.

Dazu Breitbart: „Es war seine stille Art zu sagen, ,Ja, so ist es. Ihr seit mich noch nicht los.'“

1Eine der Hauptquellen für dieses Kapitel war das Interview „Richard Stallman: High School Misfit, Symbol of Free Software, MacArthurCertified Genius“ von Michael Gross, Autor des 1999er Buchs Talking About My Generation, eine Sammlung von Interviews mit bekannten Persönlichkeiten der sogenannten „Baby Boom“—Generation. Obwohl Stallman nicht in dem Buch vorkommt, veröffentlichte Gross das Interview als Onlineergänzung zum Webauftritt des Buches. Die URL hat sich, seitdem ich sie das erste Mal gelesen habe, mehrere Male geändert. Nach Angabe verschiedener Leser, die danach gesucht haben, befindet sich das Interview jetzt unter http://www.mgross.com/MoreThgsChng/interviews/stallman1.html

2Siehe Judy Steed, Toronto Star, BUSINESS, (October 9, 2000): C03. Seine Vorstellung von freier Software und gesellschaftlicher Zusammenarbeit steht im auffallenden Kontrast zu seinem einsamen Privatleben. Er ist ähnlich exzentrisch wie Glenn Gould. Der kanadische Pianist war ähnlich brilliant, sagte deutlich seine Meinung und war einsam. Stallman hält sich für bis zu einem bestimmten Grad von Autismus betroffen, ein Zustand, der es ihm nach eigener Einschätzung schwer macht, mit Leuten umzugehen.

3Siehe Steve Silberman, „The Geek Syndrome,“ Wired (December, 2001). http://www.wired.com/wired/archive/9.12/aspergers_pr.html

4Leider hatte ich keine Gelegenheit Daniel Stallman für dieses Buch zu befragen. Während meiner frühen Nachforschungen teilte mir Stallman mit, dass sein Vater an Alzheimer litt. Als ich 2001 die Nachforschungen wieder aufnahm, erfuhr ich zu meinem Bedauern, dass Daniel Stallman früher im Jahr gestorben war.

5Als Atheist hätte Stallman wahrscheinlich Probleme mit dieser Bezeichnung. Jedenfalls war es ihm willkommen. Siehe Fußnote 1: „Kaum, dass ich von der Existenz von Computern erfuhr, wollte ich einen sehen und damit spielen.“