2001 Odyssee eines Hackers

Die Informatikabteilung der Universität von New York befindet sich in Warren Weaver Hall, einem festungsartigen Bau, zwei Blocks östlich des Washington Square Parks.

Ventilatoren, deren Stärke für Industrieanlagen passend wäre, erzeugen ringsum einen Wall aus heißer Luft, der Herumtreiber und Werber gleichermaßen entmutigt. Besucher, die den Wall durchbrechen, treffen auf die nächste beachtliche Barriere, eine Sicherheitsschleuse direkt im einzigen Zugangsweg des Gebäudes.

Nach der Sicherheitsschleuse wird die Stimmung etwas entspannter. Immer noch aber sind im ersten Stock viele Schilder verteilt, die die Gefahren unverschlossener Türen und offengehaltener Notausgänge predigen. Zusammengenommen rufen diese Hinweise eines ins Bewusstsein: Selbst im relativ ruhigen Randgebiet New Yorks vor dem elften September 2001 kann man nie zu vorsichtig oder zu misstrauisch sein.

Die Schilder bieten einen interessanten thematischen Gegensatz zur wachsenden Zahl an Besuchern, die sich im Innenhof der Halle sammeln. Einige sehen aus wie NYU Studenten, die meisten wie Konzertbesucher mit legerer Haartracht, die sich außerhalb eines Konzertsaals in Erwartung der Hauptvorstellung versammeln. Für einen kurzen Morgen haben die Massen die Warren Weaver Halle übernommen und der in der Nähe befindlichen Sicherheitskraft bleibt nichts Besseres zu tun, als im Fernsehen Ricki Lake anzusehen und die Schulter Richtung nahe gelegenem Hörsaal zu zucken, wann immer ein Besucher nach „dem Vortrag“ fragt.

Erst einmal in den Hörsaal gelangt, findet der Besucher die Person, welche diese vorübergehende Aussetzung der Sicherheitsmaßnahmen erzwungen hat. Es ist Richard M. Stallman, Gründer des GNU-Projekts, Gründungspräsident der Free Software Foundation, 1990 Preisträger des Mac Artur Preises, Preisträger des Grace Murray Hopper Preises der Association of Computing Machinery (ebenfalls 1990), einer der Preisträger des 2001 Takeda Preises der Takeda Foundation und früherer AI Lab Hacker. Wie in vielen Webauftritten, die mit Hackern zu tun haben — darunter die eigene Seite des GNU Projekts http://www.gnu.org — angekündigt, ist Stallman in seiner früheren Heimatstadt Manhattan, um eine viel erwartete Rede zu halten , seine Erwiderung auf die jüngste Kampagne der Microsoft Corporation gegen die GNU General Public License.

Gegenstand von Stallmans Rede ist Geschichte und Zukunft der Freie–Software–Bewegung. Weniger als einen Monat zuvor hatte Microsofts Senior-Vizepräsident, Craig Mundie, an der NYU Stern School of Business die General Public License, auch GPL, unter Beschuss genommen. Geschaffen, um der Welle zunehmender Geheimhaltung von Software, welche die Computerindustrie überrollte — eine Welle, die Stallman erstmals bei seinem Ärger 1980 mit dem Xeroxlaserdrucker auffiel — entgegenzuwirken, hat sich die GPL zu einem wichtigen Werkzeug der Gemeinschaft der Anhänger freier Software entwickelt. Vereinfacht ausgedrückt macht die GPL aus Programmen eine Art öffentliches Eigentum - was heute von Juristen als "digitales Allgemeingut" bezeichnet wird - und zwar geschieht das unter Ausnutzung des Urheberrechts. Alle Programme, die einmal mit diesem digitalen Allgemeingut in Berührung gekommen sind, bleiben für immer öffentliches Eigentum. Abgeleitete Versionen müssen denselben Urheberrechtsschutz tragen — auch wenn sie nur einen kleinen Teil des ursprünglichen Codes enthalten. Aus diesem Grunde nennen manche in der Softwareindustrie die GPL eine „virale“ Lizenz, weil sie von jeder Software Besitz ergreift, die sie berührt1.

In einer Informationswirtschaft, die zunehmend von Software und Softwarestandards abhängt, wurde die GPL die sprichwörtliche große Nummer. Sogar Unternehmen, die sie einst als Softwaresozialismus verlacht hatten, erkennen inzwischen die Vorteile an. Linux, der unix-artige Betriebssystemkern, 1991 von dem finnischen Studenten Linus Torvalds entwickelt, ist unter der GPL lizenziert, ebenso viele der weltweit beliebtesten Programmierwerkzeuge: GNU Emacs, der GNU Debugger, der GNU C–Compiler u.s.w. Zusammen bilden diese Werkzeuge die Bestandteile eines Freie-Software-Betriebssystems, entwickelt und genährt von und im Besitz der weltweiten Gemeinschaft der Hacker. Anstatt diese Gemeinschaft als Gefahr zu sehen, verlassen sich Hightechunternehmen wie IBM, Hewlett Packard und Sun Microsystems auf sie und verkaufen Anwendungen und Dienstleistungen, die auf diese beständig wachsende Softwarestruktur aufbauen.

Sie verlassen sich auch auf sie als strategische Waffe im immerwährenden Krieg gegen Microsoft, die Firma aus Redmond, Washington, die — ob zum Guten oder zum Bösen — den Markt für PC-Software seit den späten 1980ern beherrscht. Als Besitzer des beliebten Windowsbetriebssystems würde Microsoft am meisten verlieren, wenn die Industrie zur GPL wechseln würde. Fast jede Zeile Quellcode im Windowskoloss ist durch Urheberrecht als privater Besitz geschützt. Aus Microsofts Sicht wäre der Einbau von Programmen, die unter der „viralen“ GPL stehen, als würde Superman ein Flasche Kryptonitpillen einnehmen. Konkurrenzunternehmen könnten plötzlich, indem sie verbesserte Ausgaben von Windows kopieren, abändern und verkaufen, die unbezwingbare Stellung des Unternehmens als Nummer Eins der Anbieter von Endverbrauchersoftware gefährden. Daher die zunehmende Sorge über die Schnelligkeit, mit der die GPL angenommen wird. Daher die jüngste Rede von Mundie wider die GPL und den „open– source“–Ansatz bei Softwareentwicklung und –vertrieb. Daher Stallmans Entscheidung, hier und heute auf demselben Campus diese Rede zu erwidern.

20 Jahre sind eine lange Zeit in der Softwareindustrie. Man bedenke: 1980, als Richard Stallman den Xeroxlaserdrucker verfluchte, war Microsoft, das Unternehmen, das von den meisten Hackern als weltweit stärkste Kraft in der Softwareindustrie betrachtet wird, noch eine Neugründung in Privatbesitz. IBM, das damals als stärkste Kraft der Hardewareindustrie galt , stand noch davor, den ersten Personal Computer einzuführen und damit den Startschuss für den derzeitigen PC-Markt mit seinen erschwinglichen Preisen zu geben. Viele der Technologien, die uns heute selbstverständlich erscheinen, wie das World Wide Web, Satellitenfernsehen und 32bit-Videospielkonsolen, existierten noch nicht einmal. Dasselbe trifft für viele der Firmen zu, die heute Spitzenränge in der Wirtschaft einnehmen, wie AOL, Sun Microsystems, Amazon.com, Compaq und Dell. Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen.

Die Tatsache, dass sich der Markt für Hochtechnologie in so kurzer Zeit so weit entwickelt hat, liefert beiden Seiten der Debatte um die GPL Argumente. Befürworter der GPL weisen auf die kurze Lebensspanne der meisten Hardware hin. Angesichts des Risikos, ein in Kürze veraltetes Produkt zu kaufen, neigen die Verbraucher Firmen zu, die die besten Aussichten auf langes Bestehen haben. Dadurch zieht der Bestplazierte am Softwaremarkt die gesamte Nachfrage auf sich2. Befürworter der GPL führen weiter an, dass der gegenwärtige Zustand, dass Software Privateigentum ist, zu Monopolmissbrauch und Stagnation führt. Starke Unternehmen entziehen dem Markt für Konkurrenten und einfallsreiche Neugründungen alle Luft.

Gegner der GPL argumentieren genau anders herum. Software zu verkaufen ist genauso riskant, wenn nicht sogar noch mehr, als sie zu kaufen. Ohne die gesetzliche Garantie, die Softwarelizenzen darstellen, ganz zu schweigen von den wirtschaftlichen Aussichten einer „Killeranwendung“ (d.h. einer bahnbrechenden Technologie, die einen völlig neuen Markt schafft)3 in Privatbesitz, haben Unternehmen keinen Anreiz, an der Entwicklung teilzunehmen. Der Markt entwickelt sich nicht weiter und es gibt keine neuen Erfindungen.

Wie Mundie selbst in seiner Ansprache vom 3. Mai auf demselben Campus bemerkte, stellt die „virale“ Natur der GPL „eine Gefahr“ für jedes Unternehmen dar, das auf den Wettbewerbsvorteil angewiesen ist, den die Einmaligkeit seiner Software darstellt. Mundie fügte hinzu:

Sie untergräbt auch den unabhängigen kommerziellen Teil des Marktes in seinen Grundfesten, da sie es praktisch unmöglich macht, Software auf der Grundlage zu verteilen, dass die Empfänger für das Produkt bezahlen, statt nur für dessen Verteilung4.

Der gleichzeitige Erfolg von GNU/Linux, dem zusammengetragenen Betriebssystem, das auf den GPL–geschützten Linuxkern aufbaut, und Windows zeigt, dass beide Ansätze Vorteile haben. Dennoch ist der Kampf um zügige Weiterentwicklung und Absatz in der Softwareindustrie wichtig. Selbst mächtige Anbieter wie Microsoft hängen von der Unterstützung Dritter ab, deren Werkzeuge, Programme und Spiele die zugrunde liegende Softwareplattform, wie in diesem Falle Windows, anziehender für den Durchschnittskonsumenten machen. Indem er die rasante Entwicklung des Technologiemarktes innerhalb der letzten 20 Jahre, nicht zu vergessen die bewundernswerte Erfolgsgeschichte von Microsoft anführt, legt Mundie den Hörern nahe, sich nicht von der jüngsten Durchschlagskraft der Bewegung für freie Software hinreißen zu lassen:

Zwei Jahrzehnte Erfahrung haben gezeigt, dass ein Wirtschaftssystem, das geistiges Eigentum schützt und ein Geschäftssystem, das Forschungs- und Entwicklungskosten entlohnt, beeindruckende wirtschaftliche Erträge erzielen und sie weit verbreiten kann.

Solche Vorhaltungen dienen Stallman als Hintergrund für seine heutige Rede. Weniger als einen Monat nach ihrer Äußerung steht Stallman mit dem Rücken zur Tafel vorne im Raum, begierig anzufangen.

Die letzen zwei Jahrzehnte haben den Softwaremarkt dramatisch verändert, noch dramatischer aber haben sie Stallman selbst verändert. Der magere, glattrasierte Hacker, der einst seine Tage zur Gänze damit verbrachte, sich mit seiner geliebten PDP-10 zu unterhalten, ist nicht mehr. An seine Stelle trat ein schwergewichtiger Mann mittleren Alters mit langen Haaren und einem Rabbinerbart, der die meiste Zeit damit verbringt, E-Mails zu schreiben und zu beantworten, anderen Programmierern zu predigen und Reden wie die heutige zu halten. Bekleidet mit einem aquafarbenen T-Shirt und braunen Polyesterhosen, sieht Stallman wie ein Wüsteneinsiedler aus, der gerade aus der Kleiderkammer der Heilsarmee kommt.

Die Versammlung ist voller Besucher, die Stallmans Mode– und Haartrachtsgeschmack teilen. Viele kommen mit Laptops und Funkmodems, was äußerst praktisch ist, um Stallmans Worte aufzuzeichnen und an die im Internet darauf Wartenden zu übertragen. Das Geschlechterverhältnis ist ungefähr 15 Männer auf eine Frau und eine der sieben oder acht Frauen im Raum kommt mit einem Stoffpinguin, dem offiziellen Linuxmaskottchen, während eine andere einen Teddybären mit sich trägt.

Richard Stallman, um 2000. „Ich entschied, ich würde ein freies Betriebssystem entwickeln, oder bei dem Versuch sterben ... an Altersschwäche natürlich.“
Foto von http://www.stallman.org/

Aufgeregt verlässt Stallman seinen Posten an der Vorderfront des Raumes, setzt sich auf einen Stuhl in der ersten Reihe und tippt ein paar Befehle in einen schon geöffneten Laptop. Während der nächsten 10 Minuten bemerkt Stallman nichts von der zunehmenden Zahl von Studenten, Professoren und Anhängern, die vor ihm, am Fuße der Bühne des Auditoriums, hin und her gehen.

Bevor die Rede beginnen kann, muss dem barocken Ritual akademischer Formalitäten Tribut gezollt werden. Stallmans Erscheinen ist nicht nur eine, sondern zwei Einführungen wert. Mike Uretsky, Konrektor des „Stern School Center for Advanced Technology”, hält die erste.

„Die Rolle einer Universität ist es, die Debatte zu fördern und interessante Diskussionen zu veranstalten“, sagt Uretsky, „Diese spezielle Veranstaltung, dieses Seminar, erfüllt genau diesen Zweck. Ich finde die Diskussion über offene Quelltexte besonders interessant.“

Bevor Uretsky einen weiteren Satz sagen kann, wird er von Stallman unterbrochen, der aufgestanden ist und ihm zuwinkt wie ein Fahrer, der eine Panne hat.

„Mein Ding ist die freie Software“, sagt Stallman unter zunehmendem Gelächter. „Die Bewegung für offene Quelltexte ist etwas anderes.“

Das Gelächter weicht einem Applaus. Der Raum ist voller Stallmanpartisanen, Leuten, die um seinen Ruf der Exaktheit bei der Verwendung von Wörtern, ganz zu schweigen von seiner vielerorts veröffentlichten Distanzierung von der Bewegung für offene Quelltexte im Jahre 1998, wissen.

Viele erwarten mittlerweile solche Ausrufe, so wie einst begeisterte Radiohörer auf Jack Bennys typisches „Komm, schneid das raus“, während jeder Sendung warteten.

Uretsky beendet eilig seine Einführung und übergibt das Podium an Edmond Schonberg, Professor an der NYU Informatikfakultät. Als Programmierer und Mitarbeiter beim GNU-Projekt weiß Schonberg, welche sprachlichen Minen es zu vermeiden gilt. Er fasst gewandt Stallmans Laufbahn aus der Sicht eines heutigen Programmierers zusammen.

„Richard ist das Lehrbuchbeispiel eines Menschen, der durch lokales Handeln zum globalen Nachdenken über die Nichtverfügbarkeit von Quellcode kam“, sagt Schonberg. „Er hat eine logisch geschlossene Philosophie entwickelt, die uns alle dazu zwang, unsere Anschauungen, wie Software produziert wird, was geistiges Eigentum bedeutet und was die Softwaregemeinschaft eigentlich darstellt, zu überprüfen.“

Unter Applaus heißt Schonberg Stallman willkommen. Stallman benötigt einen Moment, seinen Laptop abzuschalten, steht auf und begibt sich auf die Bühne.

Zunächst hört sich Stallmans Ansprache mehr nach Kabarett als nach einer politischen Rede an. „Ich möchte Microsoft danken, dass es mir die Gelegenheit gibt, hier und heute zu erscheinen“, witzelt Stallman, „Während der letzten Wochen habe ich mich wie der Autor eines Buches gefühlt, das zufällig irgendwohin verbannt wurde.“

Für die Unbeleckten bringt Stallman zum Aufwärmen kurz ein Analogon zur freien Software. Er vergleicht ein Programm mit einem Kochrezept. Beide bestehen aus nützlichen Schritt–für–Schritt–Anweisungen wie man ein bestimmtes Ergebnis erreicht und können einfach abgeändert werden, wenn der Verwender einen speziellen Wunsch hat oder besondere Umstände vorliegen. „Man muss einem Rezept nicht sklavisch folgen,“ bemerkt Stallman, „man kann einige Zutaten weglassen, Pilze hinzugeben, weil man Pilze mag, weniger Salz verwenden, weil einem der Arzt geraten hat, die Salzzufuhr einzuschränken, und so weiter.“

Die wichtigste Gemeinsamkeit sei, sagt Stallman, dass Programme und Kochrezepte leicht zu teilen sind. Wenn ein Koch einem Essensgast ein Rezept gibt, verliert er dadurch nicht mehr als das Papier und die Zeit, die es brauchte, das Rezept aufzuschreiben. Programmierer wenden noch weniger auf: Ein paar Mausklicks und ein wenig Elektrizität. Hingegen gewinnt die die Information gebende Person zweierlei: Freundschaft und die Möglichkeit, ihrerseits interessante Rezepte zu übernehmen.

„Stellen Sie sich vor, wie es wäre, wenn Rezepte in schwarzen Schachteln eingeschlossen wären“, sagt Stallman und legt zu. „Sie könnten nicht sehen, welche Zutaten sie benutzen, geschweige denn sie ändern, und was wäre, wenn Sie eine Kopie für einen Freund machen? Man würde Sie der Piraterie bezichtigen und versuchen, Sie jahrelang ins Gefängnis zu stecken. Dieser Zustand würde eine ungeheure Entrüstung bei allen Leuten hervorrufen , die es gewöhnt sind, Rezepte zu tauschen. Aber genau das ist in der Welt der Eigentumssoftware der Fall — eine Welt, in der es verboten ist oder verhindert wird, dass man sich anständig gegen andere benimmt.“

Nachdem diese einführende Analogie abgehakt ist, erzählt Stallman die Xeroxlaserdruckergeschichte. Wie die Rezeptanalogie ist auch die Laserdruckergeschichte nützliche Rhetorik. Ihre parabelartige Struktur macht deutlich, wie schnell sich doch die Softwarewelt ändert. Indem sie die Zuhörer in eine Zeit vor Amazon.com–ein–Klick–Einkauf, Microsoft Windows und Oracledatenbanken zurückversetzt fordert sie sie auf, die Möglichkeit des Softwarebesitzes ohne die heute geläufigen Unternehmenslogos zu überdenken.

Stallman spricht routiniert und geschliffen, wie ein Anwalt bei seinem Plädoyer. Als er zu der Stelle mit dem Carnegie Mellon Professor kommt, der ihm keine Kopie des Druckerquellcodes gab, pausiert er.

„Er hat uns verraten“, sagt Stallman. „Aber nicht nur uns. Wahrscheinlich auch Sie.“

Bei dem Wort „Sie“ zeigt Stallman auf einen nichtsahnenden Zuhörer. Dessen Augenbrauen zucken leicht, aber Stallmans Blick wandert weiter. Bewusst langsam sucht er sich einen zweiten Zuhörer heraus, während die Menge nervös kichert. Er zeigt auf jemanden drei Reihen hinter dem Ersten. „Und ich vermute, Sie auch.“

Als er beim dritten Zuhörer angekommen ist, ist das Kichern allgemeinem Gelächter gewichen. Die Geste wirkt gekünstelt und ist es auch. Wenn es darum geht, die Xeroxlaserdruckergeschichte rüberzubringen, macht Stallman das mit dem Elan eines Mannes, der sich zu verkaufen versteht. „Er hat wahrscheinlich die meisten Leute hier im Raum hintergangen — ausgenommen vielleicht einige, die 1980 noch nicht auf der Welt waren“, sagt Stallman, was wiederum mit Gelächter quittiert wird. „Und zwar weil er versprochen hat, die Zusammenarbeit mit der gesamten Erdbevölkerung zu verweigern.“

Stallman lässt diese Worte einen halben Herzschlag lang einwirken. „Er hatte ein Geheimhaltungsabkommen unterzeichnet“, fügt er hinzu.

Richard Matthias Stallmans Aufstieg in den letzten 20 Jahren vom verärgerten Akademiker zum politischen Führer kann als Beleg für Vieles gesehen werden: für Stallmans Veranlagung zur Starrköpfigkeit und seinen erstaunlichen Willen, für die klar dargelegten Visionen und Werte der Bewegung für freie Software, die mit seiner Hilfe aufgebaut wurde, für seine Programme hoher Güte, die seinen Ruf als Programmiererlegende gefestigt haben, für die zunehmende Anziehungskraft der GPL, einer juristischen Erfindung, die viele Beobachter Stallmans für sein wichtigstes Werk halten.

In der Hauptsache aber spricht er dafür, dass sich die politische Macht in einer Welt, die zunehmend der Technologie der Computer und der Software, die die Grundlage hierfür ist, verpflichtet ist, ändert.

Möglicherweise liegt es daran, dass selbst zu einer Zeit, in der die meisten Hightech-Stars verblassen, Stallmans Berühmtheit zunimmt. Seitdem er 1984 das GNU-Projekt5 gestartet hat, wurde Stallman sowohl aus der Bewegung freier Software als auch von außerhalb abwechselnd ignoriert, verballhornt, verunglimpft und angegriffen. Bei allen Schwierigkeiten hat es das GNU-Projekt fertig gebracht seine Zwischenziele, wenn auch mit den sattsam bekannten Verspätungen, zu erreichen und in einem Softwaremarkt, der um Größenordnungen komplexer ist, als der, den es vor 18 Jahren betrat, von Bedeutung zu bleiben. Genauso, wie die Ideologie freier Software, die von Stallman selbst sorgfältig entwickelt wurde.

Um zu verstehen was dahinter steckt, ist sowohl Stallmans Beschreibung seiner selbst hilfreich als auch die Aussagen von Personen, die mit ihm zusammengearbeitet und gekämpft haben. Richard Stallman zu beschreiben ist nicht schwierig. Wenn es jemanden gibt, der den alten Spruch „du bekommst, was du siehst“ verkörpert, so ist das er.

„Ich bin der Meinung, wenn Sie Richard Stallman als Mensch verstehen wollen, müssen Sie all die Teile als ein zusammengehöriges Ganzes betrachten“, schlägt Eben Moglen, juristischer Berater der Free Software Foundation und Rechtsprofessor an der Columbia University Law School vor. „All die persönlichen Sonderlichkeiten, die viele Leute als Hindernis, Stallman kennen zu lernen betrachten, sind in Wirklichkeit Stallman selbst: Richards starkes Empfinden für persönlichen Ärger, sein enormes Gespür für ethische Verpflichtung, seine Unfähigkeit zu Kompromissen, speziell bei Dingen, die er als grundlegend erachtet. Genau das sind die Gründe, aus denen Richard tat, was er tat, als er es tat.“

Zu erklären, warum eine Reise, die einst mit einem Laserdrucker begann, schließlich zu einem Wortgefecht gegen die reichsten Unternehmen der Welt führen würde, ist keine einfache Aufgabe. Sie erfordert eine tiefgründige Analyse der Kräfte, die den Besitz von Software in unserer heutigen Gesellschaft so wichtig gemacht haben. Ebenso erfordert sie eine tiefgehende Untersuchung eines Mannes, der wie viele politische Führer vor ihm die Verformbarkeit des menschlichen Gedächtnisses versteht. Sie erfordert die Fähigkeit, die Mythen und politisch überladenen Worte, die sich im Laufe der Zeit um Stallman gebildet haben, zu interpretieren. Schließlich erfordert sie, Stallman als genialen Programmierer zu verstehen und seine Erfolge und Rückschläge dabei, dieses Genie für andere Unternehmungen einzusetzen.

Wenn es darum geht, seine eigene Zusammenfassung der Reise zu geben, gibt Stallman die Verschmelzung von Persönlichkeit und Prinzipien, auf die Moglen hingewiesen hat, zu. „Starrköpfigkeit ist mein größter Vorzug. Die meisten Leute, die etwas sehr Schwieriges versuchen, verlieren den Mut und geben auf. Ich gab nie auf.“

Er schreibt es auch dem reinen Zufall zu. Ohne den Zusammenstoß wegen des Xeroxlaserdruckers, ohne die persönlichen und politischen Konflikte, die seine Karriere als MIT-Angestellter beendeten, ohne das halbe Dutzend anderer Faktoren, die sich gerade zur rechten Zeit einstellten, wäre es Stallman zufolge sehr einfach vorstellbar, dass er in seinem Leben einen anderen beruflichen Werdegang genommen hätte. Während er dies zugibt, dankt Stallman den Kräften und Umständen, die ihn in die Lage versetzt haben, etwas zu verändern.

„Ich hatte genau die richtigen Fähigkeiten“, sagt Stallman, und fasst sein Gründe, das GNU-Projekt zu beginnen, für die Hörerschaft zusammen. „Da war niemand außer mir, also fühlte ich: ,Ich bin auserwählt. Ich muss daran arbeiten. Wenn nicht ich, wer dann?'“

1  Tatsächlich ist die GPL nicht ganz so mächtig. Gemäß Abschnitt 10 der GNU General Public License, Version 2(1991), hängt die virale Natur der Lizenz stark davon ab, was die Free-Software-Foundation als abgeleitetes Werk zu sehen willens ist, ganz abgesehen von der schon vorhandenen Lizenz, die die GPL ersetzen würde.

Wenn Sie Teile eines Programms in andere freie Programme, deren Verbreitungsbedingungen verschieden sind, einfügen wollen, bitten Sie den Autor um Erlaubnis. Bei Programmen, deren Urheberrecht bei der Free Software Foundation liegt, schreiben Sie an die Free Software Foundation; wir machen manchmal Ausnahmen. Unsere Entscheidung wird sich an den beiden Zielen ausrichten, den freien Status aller von unserer freien Software abgeleiteten Werke zu bewahren und das Teilen und die Wiederverwendung von Software im Allgemeinen zu fördern.

„Etwas mit einem Virus zu vergleichen ist sehr hart,“ sagt Stallman. „Eine Grünlilie wäre eine passendere Analogie, wenn man ein Stück abschneidet, bewegt sie sich dadurch zu einem anderen Ort.“

Mehr Informationen über die GNU General Public License erhalten Sie bei http://www.gnu.org/copyleft/gpl.html

Siehe Shubha Ghosh, “Revealing the Microsoft Windows Source Code,“ Gigalaw.com (January, 2000).

formerly http://www.gigalaw.com/articles/2000-all/ghosh-2000-01-all.html

Killeranwendungen sind nicht notwendig proprietär. Ein Beweis dafür ist z.B. der legendäre Mosaicbrowser, dessen Urheberrechtslizenz unter bestimmten Bedingungen nichtkommerzielle abgeleitete Werke erlaubt. Ich denke, der Leser wird dennoch den Kern des Arguments verstehen: Der Softwaremarkt ist wie eine Lotterie. Je größer der Hauptgewinn, desto mehr Leute wollen teilnehmen. Eine gute Zusammenfassung des Phänomens der Killeranwendung ist Philip Ben-David, “Whatever Happened to the `Killer App'?“ e-Commerce News (December 7, 2000).

formerly http://www.ecommercetimes.com/perl/story/5893.html

Siehe Craig Mundie, “The Commercial Software Model,“ senior vice president, Microsoft Corp. Auszug einer Onlineabschrift der Rede Mundies am 3. Mai 2001, an der New York University Stern School of Business. http://www.microsoft.com/presspass/exec/craig/05-03sharedsource.asp

Die Abkürzung GNU steht für „GNU's not Unix“. An anderer Stelle in der NYU Rede vom 29. Mai 2001 fasst Stallman die Herkunftsgeschichte der Abkürzung wie folgt zusammen:

Wir Hacker suchen uns immer einen lustigen oder provokativen Namen für ein Programm, denn ein Programm zu benennen ist der halbe Spaß beim Schreiben. Wir hatten auch eine Tradition rückbezüglicher Abkürzungen um auszudrücken, dass das Programm, das man schrieb, einem existierenden ähnlich war ... Ich sah mich nach einer rückbezüglichen Abkürzung für Etwas Ist Nicht UNIX um und probierte alle 26 Buchstaben, aber keiner ergab ein Wort. Ich entschied einen Widerspruch zu konstruieren. Auf diese Weise konnte es eine dreibuchstabige Abkürzung für Etwas ist Nicht UNIX (Something's not UNIX) sein. Wieder probierte ich Buchstaben und kam auf „GNU“. Das wars.

Obwohl er ein Freund von Anspielungen ist empfiehlt Stallman, das „g“ am Beginn der Abkürzung auszusprechen (ganju). Das verhindert nicht nur die Verwechslung mit dem Wort „Gnu“, dem Namen der Antilope (Connochaetes) sondern auch mit dem Eigenschaftswort „neu“ (new). „Wir arbeiten nunmehr seit 17 Jahren daran, also ist es nicht mehr wirklich neu“, sagt Stallman.

Quelle: Notizen des Autors und Onlineabschrift von “Free Software: Freedom and Cooperation,“ Rede von Richard Stallman am 29. Mai 2001 an der New York University.

http://www.gnu.org/events/rms-nyu-2001-transcript.txt