Wegen eines Druckers

Ich fürchte die Griechen. Auch wenn sie Geschenke bringen.

Virgil, Änäis

Der neue Drucker hatte mal wieder einen Papierstau.

Richard M. Stallman, angestellter Programmierer am Labor für künstliche Intelligenz (AI Lab) des Massachusetts Institute of Technology, wurde auf unangenehme Weise auf die Fehlfunktion aufmerksam. Eine Stunde nachdem er eine Datei mit 50 Seiten an den Laserdrucker des Büros geschickt hatte, unterbrach der damals 27–jährige Stallman eine produktive Arbeitssitzung um seinen Ausdruck zu holen. Als er ankam, fand er nur vier Seiten im Ausgabekorb des Druckers. Um die Sache noch schlimmer zu machen, gehörten diese einem anderen Benutzer, was bedeutete, dass Stallmans Druckauftrag und der unerledigte Rest des Druckauftrags eines anderen immer noch irgendwo im Netzwerk des Computerlaboratoriums feststeckten.

Auf eine Maschine zu warten ist eine der Lästigkeiten des Berufs, wenn man Softwareprogrammierer ist, folglich nahm Stallman den Ärger nicht ganz so schwer. Dennoch ist es ein bedeutender Unterschied, ob man auf eine Maschine oder bei einer Maschine wartet. Es war nicht das erste Mal, dass er gezwungen war neben dem Drucker zu stehen und zuzusehen, wie eine Seite nach der anderen ausgedruckt wurde. Als jemand, der den Großteil seiner Tage und Nächte damit verbrachte, die Effizienz von Maschinen und der Software, die sie kontrolliert, zu erhöhen, fühlte Stallman das natürliche Bedürfnis, die Maschine aufzumachen, um in ihre Eingeweide zu sehen und die Wurzel des Problems zu ermitteln.

Unglücklicherweise erstreckte sich Stallmans Talent als Computerprogrammierer nicht auf mechanisch–ingenieurtechnische Angelegenheiten. Während die neuen Ausdrucke aus der Maschine quollen hatte Stallman Muße über andere Wege, das Papierstauproblem zu umgehen, nachzudenken.

Stallman versuchte sich zu erinnern, wie lange es schon her war, dass die Angestellten der AI Labs den Drucker mit offenen Armen willkommen geheißen hatten. Die Maschine war ein Geschenk der Xerox Corporation. Als Prototyp neuester Technik war sie eine geänderte Version des beliebten Xerox Fotokopierers. Anstatt Kopien zu machen verwendete sie Daten, die auf elektronischem Wege über ein Computernetzwerk eingespeist wurden, und verwandelte diese in professionell aussehende Dokumente. Geschaffen von Ingenieuren in der weltberühmten Xerox Palo Alto Forschungseinrichtung war sie schlicht ein früher Vorgeschmack auf die Revolution, welche den Rest der Computerindustrie gegen Ende des Jahrzehnts heimsuchen würde – das Drucken am Arbeitsplatz.

Getrieben von einem instinktiven Verlangen mit den besten neuen Geräten zu spielen, integrierten die Programmierer am AI Lab die neue Maschine unverzüglich in den komplexen Rechnerverbund des Laboratoriums. Die angenehmen Folgen traten sofort ein. Im Gegensatz zum alten Laserdrucker des Labs war die neue Xeroxmaschine schnell. Die Seiten flogen mit einer Geschwindigkeit von einer pro Sekunde heraus, was aus einem früheren 20–Minuten–Druckauftrag einen zu 2 Minuten machte. Die neue Maschine war auch genauer. Kreise sahen nun wie Kreise und nicht mehr oval aus. Gerade Linien waren gerade Linien, nicht Sinuswellen niedriger Amplitude.

Es war, was immer man damit anzustellen gedachte, ein Geschenk, das zu gut war um es abzulehnen.

Erst einige Wochen nach seinem Eintreffen zeigten sich die Schwächen des Gerätes. Der Hauptgrund für die Ernüchterung war die maschineneigene Neigung zu Papierstaus. Den wie Ingenieure denkenden Programmierern war der tiefere Grund dieser Unzulänglichkeit sofort klar. Als Fotokopierer bedurfte die Maschine sowieso der ständigen Anwesenheit von menschlichem Bedienpersonal. Basierend auf der Überlegung, dass dieses Personal immer zur Stelle sein würde, einen Papierstau zu beheben, falls einer aufträte, widmeten die Xeroxingenieure ihre Zeit und Energie dem Ausmerzen anderer lästiger Probleme. In Ingenieursprech: Benutzeraufmerksamkeit war ein Teil des Systems.

Indem sie die Maschine zum Drucker umbauten, hatten die Xeroxingenieure eine feine aber entscheidende Änderung vorgenommen. Statt einem einzelnen Menschen stand sie nun einem ganzen Netzwerk zur Verfügung. Anstatt direkt daneben zu stehen, schickten Benutzer von irgendeinem Ende des Netzwerks ihre Druckbefehle mittels einer Menge anderer Maschinen als Zwischenstationen und erwarteten, dass das gewünschte Ergebnis am Ziel in der richtigen Form ankam. Erst wenn jemand schließlich hinging um das schlussendliche Ergebnis anzusehen merkte er, wie wenig des gewünschten Inhalts durchgekommen war.

Stallman selbst war einer der ersten, die das Problem erkannten und der erste, der eine Abhilfe vorschlug. Jahre vorher, als das Lab noch den alten Drucker benutzte, hatte er ein ähnliches Problem gelöst, indem er die Software, die den Drucker am PDP–11 Rechner des Labs steuerte, öffnete. Stallman konnte die Papierstaus nicht verhindern, aber er konnte Befehle einfügen, die die PDP–11 anwiesen, den Drucker periodisch abzufragen und der PDP–10, dem zentralen Rechner des Labs, Bericht zu erstatten. Um sicherzustellen, dass die Nachlässigkeit eines einzigen Nutzers nicht eine ganze Reihe von Druckaufträgen blockierte, fügte er Befehle ein, welche die PDP–10 veranlassten, jeden Benutzer, der einen Druckauftrag in der Warteschlange hatte, über den Papierstau zu informieren. Die Nachricht war in etwa ein einfaches „Der Drucker hat einen Papierstau. Bitte beheben Sie das Problem“, und da sie an die Benutzer ging, die das Problem am dringlichsten behoben haben wollten, war die Chance groß, dass es in vernünftiger Zeit behoben wurde.

Wie das mit Schnellreparaturen so ist, war die von Stallman hier verwendete Lösung schräg aber elegant. Sie behob nicht das mechanische Problem, aber sie tat das Zweitbeste, indem sie Information nicht nur vom Benutzer zum Drucker, sondern auch zurück übertrug. Dank der paar zusätzlichen Zeilen Quellcode sparten die Angestellten des AI Labs die 10 bis 15 Minuten, die sie sonst jede Woche mit Hin– und Herrennen verbrachten, um nach dem Drucker zu sehen. In der Sprache der Programmierer könnte man sagen, dass Stallmans Reparatur Nutzen aus der durch das Netzwerk bereitgestellten Gesamtintelligenz zog.

„Wenn man die Nachricht bekam, konnte man nicht davon ausgehen, dass jemand anderer das Problem lösen würde“, erinnert sich Stallman an seine Überlegung. „Man musste zum Drucker gehen. Ein oder zwei Minuten nachdem der Drucker in Schwierigkeiten geriet, kamen die zwei oder drei Leute, die die Nachricht erhielten an, um das Ding zu reparieren. Von diesen zwei oder drei Leuten wusste gewöhnlich wenigstens einer, wie man dazu vorzugehen hatte.

Programmierkniffe waren ein Markenzeichen des AI Labs und der AI Programmierer. Tatsächlich hielten die besten von ihnen die Bezeichnung Programmierer für unter ihrer Würde und zogen die umgangssprachlichere Bezeichnung Hacker vor. Diese Berufsbezeichnung umfasst eine Menge an Tätigkeiten — vom kreativen Rumblödeln bis zum Verbessern existierender Software und Computersysteme. Sie umfasst aber auch, was althergebracht als Yankee–Findigkeit bezeichnet wird. Um Hacker zu sein musste man die Auffassung teilen, dass ein Programm zu schreiben nur der Anfang sei. Ein Programm zu verbessern war der wirkliche Test auf Hackerfähigkeiten1.

Diese Art zu denken war einer der Hauptgründe, warum Unternehmen wie Xerox es zu einem Teil ihrer Geschäftspolitik machten, ihre Maschinen und Softwaresammlungen an Institutionen zu verschenken, die Hochburgen der Hacker sind . Wenn die Hacker die Software verbesserten, konnten die Unternehmen die Verbesserungen in aktualisierte Versionen für den kommerziellen Markt übernehmen. Betriebswirtschaftlich gesprochen waren Hacker als Werkzeug einsetzbares Gemeinschaftskapital, eine Hilfsforschungs- und Hilfsentwicklungsabteilung zu geringsten Kosten.

Aufgrund dieser Philosophie des Gebens und Nehmens bereitete der Papierstau im Xerox Laserdrucker Stallman zunächst keine Sorge. Er sah sich eben nach einer Möglichkeit um, den alten Reparaturtrick — den „Hack“ — für das neue System anzupassen. Als er sich jedoch die Software für den Xerox Laserdrucker ansah, machte er eine Besorgnis erregende Entdeckung. Der Drucker hatte so etwas gar nicht, zumindest keine Software in einer Form, die Stallman oder sonst ein Programmierer lesen konnte. Bisher war es für die meisten Firmen eine Frage der Höflichkeit gewesen, lesbaren Quellcode als Textdatei zu veröffentlichen, welche die einzelnen Befehle, die einer Maschine sagten, was sie zu tun habe, dokumentierte. In diesem Fall jedoch hatte Xerox die Software in kompilierter, binärer Form ausgeliefert. Zwar konnten Programmierer diese Dateien öffnen wenn sie es wollten, aber der Text wäre, außer wenn sie Experten im Entziffern eines endlosen Stroms von Einsen und Nullen gewesen wären, vollkommen unverständlich gewesen.

Obwohl Stallman eine Menge über Computer wusste, war er kein Experte im Übersetzen binärer Dateien. Als Hacker jedoch boten sich ihm andere Möglichkeiten. Die Idee des Teilens von Information war ein solch zentraler Bestandteil der Hackerkultur, dass Stallman wusste, es war nur eine Frage der Zeit, bis irgendein Hacker in irgendeiner Universität eine Version des Druckertreibers mit den gewünschten Quellcodedateien anbieten würde.

Nach den ersten paar Papierstaus fand Stallman Trost in der Erinnerung an eine ähnliche Situation vor einigen Jahren. Das Lab benötigte damals ein netzwerkübergreifendes Programm, damit die PDP–11 besser mit der PDP–10 zusammenarbeiten konnte. Es zu schreiben wäre für die Hacker des Lab kein Problem gewesen, aber Stallman, der in Harvard studiert hatte, erinnerte sich an ein ähnliches Programm, das an der dortigen Informatikfakultät geschrieben worden war. Harvard benutzte das gleiche Rechnermodell, eine PDP–10, allerdings mit einem anderen Betriebssystem. Außerdem war es in Harvard Geschäftsprinzip, dass alle auf der PDP–10 installierten Programme mit Quellen vorliegen mussten.

Stallman schaute am Harvard Lab vorbei, nutzte seine Beziehungen, machte eine Kopie des netzwerkübergreifenden Quellcodes und brachte sie mit zum AI Lab. Dann schrieb er den Code so um, dass er besser zum Betriebssystem des AI Labs passte. Unkompliziert und ohne großen Aufwand schloss so das AI Lab eine größere Lücke in seiner Softwareinfrastruktur. Stallman fügte sogar noch einige Funktionen, die es in der ursprünglichen Version nicht gab hinzu, was das Programm noch nützlicher machte. „Wir haben es schließlich mehrere Jahre lang verwendet“, sagt Stallman.

Von der Warte eines Programmierers der 70er Jahre aus war es ähnlich, wie bei einem Nachbarn vorbeizusehen, um eine Tasse Zucker oder ein Werkzeug zu borgen. Der einzige Unterschied war, dass Stallman durch das Ausleihen einer Kopie der Software nichts getan hatte, was die Hacker in Harvard bei der Verwendung ihres Programms eingeschränkt hätte. Wenn sie irgendwie davon betroffen waren, dann auf angenehme Art, denn Stallman hatte Zusatzfunktionen eingebaut, die sie jederzeit übernehmen konnten. Zwar kam nie jemand aus Harvard vorbei, Stallman erinnert sich aber, dass ein Programmierer der Ingenieurfirma Bolt, Beranek und Newman das Programm auslieh und einige weitere Funktionen einbaute, die Stallman letztlich in das Quellcodearchiv des AI Lab aufnahm.

Stallman erinnert sich an die Softwareinfrastruktur am AI Lab, „Ein Programm entwickelte sich wie eine Stadt. Teile wurden ersetzt oder neu gebaut, Neues hinzugefügt. Aber man konnte sich immer einen Teil ansehen und sagen, „Hmm, dem Stil nach zu urteilen wurde dieser Teil in den frühen 60ern geschrieben und jener Teil Mitte 1970.“

Mit Hilfe dieses einfachen Systems intellektueller Anreicherung produzierten Hacker am AI und anderswo robusten Code. An der Westküste hatten Informatiker der Universität Berkley zusammen mit einigen Technikern der Firma AT&T ein ganzes Betriebssystem, beruhend auf diesem Prinzip, programmiert. Genannt Unix, ein Wortspiel mit einem älteren, akademisch respektableren System namens Multics, war diese Software für jeden erhältlich, der bereit war die Kosten für die Kopie auf ein Magnetband und den Versand zu bezahlen. Nicht jeder Programmierer, der an dieser Kultur teilnahm, bezeichnete sich als Hacker, aber die meisten teilten die Geisteshaltung von Richard M. Stallman. Wenn ein Programm oder eine Softwareänderung gut genug war deine Probleme zu lösen, war es gut genug, die Probleme von jemand anderem zu lösen. Warum es nicht mit anderen teilen, einfach aus dem Bedürfnis Gutes zu tun?

Dass Xerox nicht willens war den Quellcode zu teilen, wirkte zunächst wie ein kleineres Ärgernis. Bei der Suche nach den Quellen fragte Stallman noch nicht einmal bei Xerox nach. „Sie hatten uns schon den Drucker geschenkt“, sagt Stallman, „warum sollte ich sie mit Zusatzwünschen belästigen?“

Als aber die gewünschten Dateien nicht auftauchten, keimte in Stallman ein Verdacht. Ein Jahr zuvor hatte er eine Auseinandersetzung mit einem Doktoranden der Carnegie Mellon Universität gehabt. Der Student Brian Reid war der Autor eines nützlichen Textformatierungsprogramms namens Scribe. Als eines der ersten Programme, welches dem Benutzer die Möglichkeit gab, beim Senden eines Textes über ein Computernetzwerk Zeichensätze und Textformatierungen zu definieren, war es ein früher Vorläufer von HTML, der lingua franca des World Wide Web. 1979 entschied sich Reid, Scribe an die Firma Unilogic aus der Gegend um Pitsburgh zu verkaufen. Reid sagt, er suchte am Ende seines Studiums einfach eine Möglichkeit, das Programm einigen Entwicklern zukommen zu lassen, die dafür sorgen würden, dass es nicht Allgemeingut würde. Als Bonbon zu diesem Handel fügte Reid einige zeitabhängige Funktionen — im Programmiererjargon „Zeitbomben“ genannt — ein, die frei kopierte Versionen des Programms nach 90 Tagen deaktivierten. Um dies zu verhindern zahlte der Benutzer an die Firma und erhielt von dieser einen Code, der die Zeitbomben entschärfte.

Für Reid war das zum beiderseitigen Nutzen. Scribe wurde nicht Allgemeingut und Unilogic brachte die Investition wieder herein. Für Stallman war es schlicht und einfach Verrat am Programmiererethos.

Als die Wochen vergingen und er mit seinen Versuchen, den Xeroxlaserdruckerquellcode zu finden, gegen die Wand lief, vermutete Stallman, dass es auch hier um etwas Ähnliches wie Geld gegen Code ging. Bevor er jedoch etwas sagen oder tun konnte, erhielt er gute Nachrichten aus der Programmierergerüchteküche. Man hatte gehört, dass einer der Wissenschaftler an der Informatikfakultät der Carnegie Mellon Universität früher eine Stelle am Xerox Palo Alto Forschungszentrum innegehabt hatte. Er hatte nicht nur am fraglichen Laserdrucker gearbeitet, sondern arbeitete gerüchtehalber als Teil seiner Forschungsverpflichtung bei Carnegie Mellon immer noch daran.

Stallman schob seinen Anfangsverdacht beiseite und fasste den festen Entschluss, bei seinem nächsten Besuch von Carnegie Mellon die fragliche Person aufzusuchen.

Er mußte nicht lange warten. Carnegie Mellon hatte ebenfalls ein Laboratorium, das auf künstliche Intelligenz spezialisiert war und innerhalb weniger Monate hatte Stallman geschäftliche Gründe, dort hinzufahren. Während dieses Besuchs legte er auch einen Zwischenstopp am Institut für Informatik ein. Angestellte zeigten ihm den Weg zum Büro des Fakultätsmitglieds, das das Xeroxprojekt leitete. Als Stallman dort ankam, fand er den Professor gerade bei der Arbeit vor.

Das Gespräch war, wie Ingenieure typischerweise miteinander reden, herzlich aber direkt. Nachdem er sich kurz als Besucher vom MIT vorgestellt hatte, fragte Stallman nach einer Kopie des Laserdruckerquellcodes, um sie für die PDP–11 anpassen zu können. Zu seiner Überraschung wollte der Professor seiner Bitte nicht nachkommen.

„Er sagte mir, er habe versprochen, mir keine zu geben“, erzählt Stallman.

Mit der Erinnerung ist es eine komische Sache. Zwanzig Jahre danach ist Stallmans geistiger Film dieser Geschichte an manchen Stellen völlig blank. Nicht nur den Grund für die Reise und sogar die Jahreszeit hat er vergessen, auch wer der Professor oder Doktorand, mit dem er sprach, war. Reid meint, am wahrscheinlichsten war es Robert Sproull, ein früherer Xerox PARC Forscher, der gegenwärtig Direktor der Sun Laboratorien ist, einer Forschungsabteilung des Computertechnikkonglomerats Sun Microsystems. In den 1970er Jahren, während er am Xerox PARC war, war Sproull der Hauptentwickler der betreffenden Laserdruckertreiber. Um 1980 nahm Sproull eine Forschungsstelle an der Carnegie Mellon Universität an, wo er seine Arbeit über Laserdrucker neben anderen Projekten fortführte.

Reid erinnert sich, „Der Code, nach dem Stallman fragte, war Hochtechnologie, die Sproull ungefähr ein Jahr bevor er ans Carnegie Mellon ging, geschrieben hatte. Ich vermute, dass Sproull weniger als ein Monat am Carnegie Mellon war, als der Wunsch an ihn herangetragen wurde.“

Direkt nach den Vorkommnissen befragt, ist von Sproull keine Auskunft zu erhalten. Er schreibt in einer E-Mail: „Ich kann das in der Sache nicht kommentieren. Ich kann mich an den Vorfall nicht erinnern.“

Angesichts dessen, dass beide Teilnehmer an dem kurzen Gespräch arge Schwierigkeiten haben, sich an Einzelheiten zu erinnern — wie etwa die, ob das Gespräch überhaupt stattfand — ist es schwer, die Deutlichkeit einzuschätzen, mit der Sproull — zumindest nach Stallmans Erinnerung — sich weigerte. In Vorträgen hat sich Stallman wiederholt auf dieses Vorkommnis bezogen und angemerkt, dass Sproulls Weigerung, den Quellcode herauszugeben, aus einer Nichtverbreitungsvereinbarung herrührte, einer vertraglichen Übereinkunft zwischen Sproull und der Xerox Corporation, die Sproull oder jedem anderen Unterzeichner Zugang zum Quellcode gewährt — im Austausch für das Versprechen der Geheimhaltung. Während dies heutzutage ein üblicher Geschäftsbestandteil in der Softwareindustrie ist, war die Nichtverbreitungsvereinbarung oder NDA (nondisclosure agreement) damals eine Neuentwicklung, die sowohl den kommerziellen Wert des Laserdruckers für Xerox, als auch den Wert der Informationen um ihn zu betreiben, zum Ausdruck brachte. „Xerox versuchte damals, ein kommerzielles Produkt aus dem Laserdrucker zu machen“, erinnert sich Reid, „es wäre absolut verrückt gewesen, den Quellcode rauszurücken.“

Für Stallman jedoch stellte die NDA etwas ganz anderes dar. Es war die Weigerung Xerox' und Sproulls, oder wer immer auch die Person war, die seinen Wunsch nach dem Quellcode an jenem Tag abschlägig beschied, an dem System teilzunehmen, das bis dahin die Programmierer ermutigt hatte, Programme als allgemein verfügbaren Rohstoff zu betrachten. Wie ein Kleinbauer, dessen jahrhundertealter Bewässerungsgraben plötzlich trockenliegt, hatte Stallman den Graben bis zu seinem Ausgangspunkt zurückverfolgt, nur um einen brandneuen hydroelektrischen Staudamm mit dem Xeroxlogo zu finden.

Es brauchte einige Zeit, bis es Stallman vollständig zu Bewusstsein kam, dass Xerox jemanden, der wie er Programmierer war, genötigt hatte an diesem neumodischem System erzwungener Geheimhaltung teilzunehmen. Im ersten Augenblick war alles, woran er denken konnte die persönliche Komponente der Ablehnung. Von jemandem wie Stallman, der sich in persönlichen Begegnungen meist unbeholfen und „irgendwie daneben“ fühlte, war der Versuch, unangekündigt bei einem anderen Programmierer reinzuschneien, als Geste der Nachbarschaftlichkeit gedacht gewesen. Jetzt, da die Bitte abgelehnt war, schien es außerordentlich unangemessen. „Ich war so verärgert, dass ich nicht wusste, wie ich es ausdrücken sollte. Also drehte ich mich einfach um und ging ohne ein weiteres Wort“, erinnert sich Stallman, „Vielleicht habe ich die Tür zugeknallt. Wer weiß? Alles woran ich mich erinnere ist, dass ich da raus wollte.“

Zwanzig Jahre danach ist die Wut noch da, so sehr, dass Stallman das Ereignis zu einem Wendepunkt gemacht hat. In den nächsten Monaten würde eine Serie von Ereignissen über Stallman und die Hackergemeinschaft am AI Lab hereinbrechen, die 30 Sekunden Ärger an der Carnegie Mellon Universität vernachlässigbar erscheinen lassen. Trotzdem, wann immer die Frage nach den entscheidenden Ereignissen auftaucht, die Stallman von einem einsamen, instinktiv jeder zentralisierten Autorität misstrauenden Hacker in einen Kreuzzüge veranstaltenden Aktivisten verwandelten, der die traditionellen Begriffe Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit auf die Welt der Softwareentwicklung anwendet, hebt Stallman die Begegnung an der Carnegie Mellon zur besonderen Beachtung hervor.

„Sie ermutigte mich über etwas nachzudenken, worüber ich schon nachgedacht hatte“, sagt Stallman, „Ich hatte schon die Vorstellung, dass Software geteilt werden sollte, aber ich war mir nicht sicher, wie man darüber denken sollte. Meine Überlegungen waren nicht so hinreichend klar und geordnet, dass ich sie für den Rest der Welt prägnant ausdrücken konnte.“

Obwohl vorhergehende Ereignisse Stallmans Zorn erregten sagt er, dass er bis zum Vorfall an der Carnegie Mellon nicht erkannt habe, dass die Ereignisse eine Kultur zu überrollen begannen, die er bislang für sakrosankt hielt. Als Eliteprogrammierer an einer der Eliteinstitutionen der Welt war Stallman sehr wohl willens, die Kompromisse und Geschäfte seiner Programmiererkollegen zu ignorieren, solange sie seine Arbeit nicht beeinflussten. Bis zum Eintreffen des Xerox Laserdruckers war Stallman damit zufrieden auf die Maschinen und Programme, die andere Benutzer zähneknirschend akzeptierten herabzusehen. Bei den seltenen Gelegenheiten, da solch ein Programm die Mauern des AI Labs durchdrang — zum Beispiel als das Lab sein altehrwürdiges Inkompatible Time Sharing Betriebssystem durch eine kommerzielle Variante, das TOPS 20, ersetzte — war es Stallman und seinen Mitprogrammierern freigestellt gewesen, die Software nach ihren persönlichen Wünschen umzuschreiben, umzumodellieren und neu zu benennen.

Jetzt, da der Laserdrucker sich am AI Lab eingeschmeichelt hatte, hatte sich etwas verändert. Die Maschine funktionierte, abgesehen von gelegentlichen Papierstaus, wunderbar, aber es gab keine Möglichkeit mehr, sie nach persönlichem Geschmack zu verändern. Aus Sicht der gesamten Softwareindustrie war der Drucker ein Weckruf. Software war solch ein wertvoller Besitz, dass sich die Unternehmen nicht mehr länger veranlasst sahen, Quellcode zu veröffentlichen, besonders dann nicht, wenn Veröffentlichung bedeutete, möglichen Konkurrenten die Chance zu geben, etwas billig nachzumachen. In Stallmans Sichtweise war der Drucker ein trojanisches Pferd. Nach einem Jahrzehnt fehlgeschlagener Versuche hatte Software in Privatbesitz — zukünftige Hacker würden sie proprietäre Software nennen — auf die hinterlistigste Weise Fuß gefasst. Sie kam getarnt als Geschenk.

Dass Xerox einigen Programmierern Zugang zu weiteren Geschenken im Austausch für Geheimhaltung gewährte, war auch ärgerlich, aber Stallman bemerkt mit Bedacht dass, wenn ihm in jüngerem Alter ein solches Tauschangebot gemacht worden wäre, er das Angebot von Xerox möglicherweise einfach angenommen hätte. Das durch das Erlebnis an der Carnegie Mellon bei ihm ausgelöste Befremden jedoch hatte einen festigenden Einfluss auf Stallmans moralische Lässigkeit ). Es machte ihn nicht nur genügend ärgerlich um allen zukünftigen Ersuchen gegenüber misstrauisch zu sein, es zwang ihm auch die unangenehme Frage auf, was wäre, wenn eines Tages ein Programmiererkollege in Stallmans Büro vorbeikäme und es mit einem Mal Stallmans Aufgabe wäre, eine Bitte um Quellcode zurückzuweisen.

„Es war das erste Mal, dass ich es mit einer NDA zu tun hatte und es zeigte mir sofort, dass NDAs Opfer haben“, sagt Stallman bestimmt, „In diesem Fall war ich das Opfer. [Ich und das Lab] waren Opfer.“

Diese Lektion würde Stallman durch die wilden 1980er Jahre begleiten, ein Jahrzehnt, in dem viele seiner Kollegen am MIT das AI Lab verlassen und ihrerseits NDAs unterschreiben würden. Da die meisten NDAs ein Ablaufdatum hatten, sahen die meisten sie unterzeichnenden Hacker keine Notwendigkeit, sich damit tiefer gehend persönlich auseinander zu setzen. Sie dachten sich, dass die Software früher oder später Teil des allgemein zugänglichen Wissens würde. In der Zwischenzeit war das Versprechen, die Software während ihrer frühesten Entwicklungsstufen geheim zu halten, Teil des Kompromisses, der es Hackern ermöglichte, an den besten Projekten zu arbeiten. Für Stallman jedoch war es der erste Schritt, der einen auf die schiefe Bahn führte.

„Wenn jemand mich einlud alle meine Kollegen auf diese Weise zu hintergehen erinnerte ich mich, wie wütend ich war, als jemand das mir und dem ganzen Lab angetan hatte“, so Stallman, „also sagte ich: ,Danke, dass Sie mir diese nette Software anbieten, aber zu den Bedingungen, die Sie stellen, kann ich das nicht annehmen, also werde ich ohne sie auskommen.'“

Stallman lernte schnell, dass solche Angebote abzulehnen mehr als nur ein persönliches Opfer war. Es führte zu einer Abgrenzung von seinen Mithackern, die, obwohl sie dieselbe Abneigung gegen Geheimniskrämerei verspürten, diese in moralisch flexiblerer Weise ausdrückten. Es dauerte nicht lange und Stallman, — sich „der letzte wahre Hacker“ nennend — war selbst am AI Lab zunehmend ein Ausgestoßener, der sich mehr und mehr von einem Markt isolierte, welcher von proprietärer Software beherrscht wurde. Stallman stellte sich auf den Standpunkt, dass jemandes Wunsch nach Quellcode abzulehnen nicht nur einen Verrat an dem wissenschaftlichen Geist darstellte, der seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine der Haupttriebkräfte der Softwareentwicklung war, sondern auch eine Verletzung der goldenen Regel, der grundlegenden Verhaltensvorschrift: Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andren zu.

Daher die entscheidende Rolle des Laserdruckers und der Begegnung, die er verursachte. Ohne sie, meint Stallman, wäre sein Leben in gewöhnlicherer Bahn verlaufen, in der sich die Reichtümer einer Tätigkeit als kommerzieller Programmierer mit der Enttäuschung, sein Leben mit dem Schreiben unsichtbaren Codes zu verbringen, mehr oder weniger die Waage hielten. Es hätte kein klares Wissen, worum es geht gegeben, kein Bedürfnis sich um Probleme zu kümmern, die andere auch nicht bekümmern. Am Wesentlichsten aber: Es hätte keine zu Recht bestehende Wut gegeben, ein Gefühl, das, wie wir bald sehen werden, nicht weniger als jede politische Ideologie oder ethische Überzeugung Stallmans Entwicklung angetrieben hat.

„Von dem Tag an entschied ich, dass das etwas war, an dem ich nie würde teilnehmen können“, sagt Stallman im Bezug sowohl auf das Eintauschen persönlicher Freiheit zum Wohle der Bequemlichkeit — Stallmans Umschreibung für den NDA–Handel — als auch auf die gesamte Kultur, die zu solch ethisch verdächtigem Handel überhaupt erst ermutigt. „Ich entschied, nie andere zu Opfern, wie ich eines war, zu machen.“

1Weitere Informationen zum Begriff Hacker sind im Anhang B zu finden.